Spanien (spanisch España),
konstitutionelle Monarchie im Südwesten Europas, erstreckt sich über den
größeren Teil (etwa 80 Prozent) der Iberischen Halbinsel und grenzt im
Norden an den Golf von Biscaya, an Frankreich und Andorra, im Osten an das
Mittelmeer, im Süden an das Mittelmeer und an den Atlantik und im Westen an
Portugal und den Atlantik. Die britische Kronkolonie Gibraltar liegt im
äußersten Süden von Spanien und wird von diesem beansprucht. Die Balearen
im Mittelmeer und die Kanarischen Inseln im Atlantik vor der Küste Afrikas
sind spanische Gebiete. Weiterhin stehen zwei kleine Exklaven in Marokko,
Ceuta und Melilla, sowie drei Inselgruppen nahe der Küste von Afrika (Peñón
de Vélez de la Gomera, die Alhucemas- und die Chafarinas-Inseln) unter
spanischer Verwaltung. Das Staatsgebiet Spaniens einschließlich der Gebiete
in Afrika und der Inselterritorien beläuft sich auf
504 782 Quadratkilometer. Madrid ist Hauptstadt und gleichzeitig die
größte Stadt des Landes.
Spaniens Mittelmeerküste ist etwa 1 660 Kilometer, die
Atlantikküste etwa 710 Kilometer lang. Die lange, ununterbrochene
Gebirgskette der Pyrenäen, die sich auf etwa 435 Kilometer vom Golf von
Biscaya bis zum Mittelmeer erstreckt, bildet im Norden die natürliche Grenze
zu Frankreich und damit zu Westeuropa. Im äußersten Süden trennt die
Straße von Gibraltar, die an ihrer schmalsten Stelle weniger als
13 Kilometer breit ist, Spanien von Afrika.
Physische Geographie
Das spanische Festland wird von drei
unterschiedlichen Landschaftsräumen geprägt. Dies sind das zentrale Hochland
der Meseta, die randlich anschließenden Gebirge sowie die äußeren Becken-
und Gebirgslandschaften. Die mittlere Höhe des Festlandes beträgt etwa
660 Meter über dem Meeresspiegel. Damit ist Spanien nach der Schweiz das
gebirgigste Land des europäischen Kontinents.
Das ausgedehnte Hochland der Meseta mit
Madrid im Zentrum erstreckt sich über eine Fläche von mehr als
250 000 Quadratkilometern. Diese Hochebene fällt von Osten nach
Westen sanft ab. Sie wird vom Kastilischen Scheidegebirge und dessen
Ausläufern Sierra de Guadarrama und Sierra de Gredos in die nördliche und
die südliche Meseta unterteilt. Höchste Erhebung in diesem Gebiet ist der
Pico de Almanzor mit 2 592 Metern. Die Gebirgszüge sind durch zum
Teil steilwandige Täler intensiv gegliedert. Die nördliche Meseta umfasst
die historischen Landschaften Altkastilien und León, die größere südliche
Meseta die Landschaften Neukastilien und Extremadura.
An die zentral gelegene Meseta
schließen Gebirgszüge an. Nach Norden ist dies das Kantabrische Gebirge mit
dem bis 2 648 Meter hohen Massiv der Picos de Europa. Im Osten wird
die Hochebene vom Iberischen Randgebirge umrahmt (in der Sierra de Moncayo bis
2 313 Meter hoch). Die geographische Grenze nach Süden markiert die
bis 1 323 Meter hohe Sierra Morena. Im Westen fällt die Meseta
allmählich über das Tafelland der Extremadura zur Atlantikküste in Portugal
ab.
Zu den höchsten der äußeren
Randgebirge des spanischen Festlandes gehören die Pyrenäen im Norden und die
Betische Kordillere mit der Sierra Nevada im Süden. Höchster Gipfel der
Pyrenäen, dem Grenzgebirge zu Frankreich, ist der Pico de Aneto mit
3 404 Metern. In der Sierra Nevada erhebt sich der Mulhacén
(3 478 Meter) als höchster Berg der Iberischen Halbinsel. Zwischen
den inneren, die Meseta begrenzenden Gebirgen und den küstennahen
Hochgebirgen breiten sich ausgedehnte Flusstäler aus. Weite
Beckenlandschaften werden von den längsten Flüssen der Halbinsel durchquert.
Die fruchtbaren Küstenebenen sind
überwiegend schmal und selten breiter als 30 Kilometer. An einigen
Stellen reichen die Bergketten bis an das Meer, wo sie zum Teil sehr steil
abfallen und felsige Landspitzen bilden. Dies ist besonders entlang der
Mittelmeerküste der Fall, wo sich einzelne Ausläufer des Katalanischen
Küstengebirges bis zum Meer hin ausdehnen. Barcelona verfügt über den
einzigen größeren Hafen an diesem Küstenabschnitt. An der Küste im
Nordwesten Spaniens, besonders in Galicien, gibt es einige bedeutende Häfen.
Die Voraussetzungen für die Entstehung geeigneter Buchten sind in diesem
Bereich überaus günstig. Durch nacheiszeitlichen Anstieg des Meeresspiegels
wurden in Galicien ehemalige, weit ins Landesinnere hineinreichende
Flusstäler überflutet und bilden nun tief eingeschnittene Buchten
(Riaküste). In diesen Küstenbereichen entstanden ideale Naturhäfen.
Die Inselgruppe der Balearen bildet
geologisch die nordöstliche Fortsetzung der Betischen Kordillere im
Mittelmeer. Höchster Berg ist der Puig Mayor auf Mallorca mit einer Höhe von
1 445 Metern. Die höchste Erhebung auf dem gesamten spanischen
Territorium ist der Pico de Teide (3 718 Meter) auf Teneriffa, der
größten der Kanarischen Inseln.
Auch wenn der Boden in Spanien für eine
agrarische Nutzung sorgfältig bewässert und kultiviert werden muss, ist er
eine reiche und wertvolle natürliche Ressource. Das Spektrum
unterschiedlicher Bodentypen ist aufgrund der Größe der Landes überaus
breit. Während weite Teile des überwiegend trockenen Landesinneren von wenig
entwickelten Rohböden bedeckt sind, ist in den feuchteren Regionen Terra
rossa großflächig verbreitet. Dieser Bodentyp ist charakteristisch für die
Teile des mediterranen Raumes, in denen Kalkstein ansteht. Die
niederschlagsreichen Gebiete im Norden des Landes sowie an den Luvseiten der
Gebirge sind mit fruchtbaren Braunerden bedeckt. Die Landesteile in den
trockenen Bereichen des südöstlichen Spanien tragen überwiegend graue,
salzhaltige Halbwüsten- und Wüstenböden.
Klima
Aufgrund der großen Höhenunterschiede und der weiten Nord-Süd- und
West-Ost-Erstreckung hat Spanien Anteil an mehreren Klimazonen. Die
nördlichen Landesteile (von Galicien im Nordwesten über das Kantabrische
Gebirge bis zu den Pyrenäen im Nordosten) sind ozeanisch geprägt; sie
erhalten Niederschläge zu allen Jahreszeiten. In manchen Gebieten wurden
schon Jahresniederschläge von mehr als 2 500 Millimetern
verzeichnet. Sie gehören damit zu den feuchtesten Gebieten Europas. Die
Tages- und Jahresschwankungen der Temperatur sind im Norden relativ gering.
Die mittleren Monatstemperaturen liegen im Sommer um 20 °C, im Winter
bei etwa 9 °C.
Das Klima im überwiegenden Teil
Spaniens ist demgegenüber subtropisch-mediterran. Aufgrund der großen
Entfernung zum thermisch ausgleichenden Meer hat es kontinentalen Charakter.
Die Temperaturunterschiede sind im Jahresverlauf vor allem in der Meseta sehr
hoch. Madrid hat eine mittlere Julitemperatur von 24 °C, während der
entsprechende Wert im Januar bei nur 5 °C liegt. Einzelne Tage können
extremere Werte annehmen. So werden hier im Sommer mitunter Tagestemperaturen
von 40 °C überschritten und im Winter an manchen Tagen–10 °C
erreicht. Hier können im Winter die Flüsse zufrieren, während es im Sommer
in der zentralen Hochebene so heiß ist, dass viele Flüsse bei lange
andauernden Dürreperioden vollständig austrocknen. Ein vor allem im
südlichen Teil der Hochebene im Sommer auftretendes Phänomen ist die Calina.
Dieser Begriff bezeichnet trockenen Staubdunst, der aus kleinsten
Staubteilchen besteht, die von der aufsteigenden heißen Luft in die
bodennahen Luftschichten transportiert werden. Die mittleren
Jahresniederschläge liegen in den flachen Gebieten der Meseta zwischen 300
und 600 Millimetern (in Madrid 419 Millimeter), die Randgebirge des
Hochlandes erhalten bis 2 000 Millimeter. Hauptregenzeiten im
zentralen Spanien sind Frühjahr und Herbst.
Am trockensten ist es in den
küstennahen Tieflagen im Südosten. Im Windschatten der Sierra Nevada werden
häufig 200 Millimeter Niederschlag im Jahr unterschritten. Damit zählt
dieses Gebiet zu den trockensten in Europa. Halbwüstenhafte Bedingungen
herrschen in einem küstenparallelen Streifen zwischen Alicante im Nordosten
und Almería im Südwesten. Regen fällt hier in Form von Schauern an nur
wenigen Tagen im Jahr.
Auf den Balearen sind die Winter relativ
mild bei Mittelwerten um 12 °C. Die Kanarischen Inseln verzeichnen
aufgrund der südlicheren Lage ganzjährig hohe Temperaturen; die Mittelwerte
liegen zwischen 18 °C im Winter und 26 °C im Sommer.
Flora
Die natürliche Vegetation Spaniens wurde
durch menschliche Einflussnahme tief greifend umgestaltet. Früher waren weite
Teile der Iberischen Halbinsel von Wald bedeckt. Weiträumige Abholzung zur
Ausweitung von Agrar- und Siedlungsfläche sowie zur Gewinnung von Bau- und
Brennholz dezimierte die Waldbestände erheblich. Mittlerweile sind nur noch
etwa fünf Prozent der Landesfläche bewaldet. In den kühleren und feuchteren
Lagen des Nordwestens überwiegen sommergrüne Laubbäume wie Buchen, Eichen
oder Kastanien, während in den Pyrenäen zusätzlich Nadelhölzer gedeihen.
Seit mehreren Jahrzehnten wird intensiv Aufforstung betrieben. Einerseits
sollen die neu geschaffenen Waldflächen das Fortschreiten der Bodenerosion
verhindern und den Wasserhaushalt der betreffenden Gebiete verbessern.
Andererseits stehen hierbei wirtschaftliche Überlegungen im Mittelpunkt des
Interesses.
Unter den wärmeren und trockeneren
Bedingungen der nach Süden anschließenden Landesteile wird die
Vegetationsbedeckung lichter. Im Übergangsbereich zu den sommerheißen
Gebieten sind in den höheren Lagen Kork- und Steineichenwälder sowie
verschiedene Strauchgewächse wie Ginster verbreitet. Die innere Borke der
Korkeichen kann nach etwa acht bis zehn Jahren in Platten vom Stamm geschält
und verarbeitet werden. Korkeichen werden zumeist als Nutzbäume angebaut.
Weiden, Erlen und Pappeln sind die charakteristischen Baumarten der Flussufer.
Die natürliche Vegetation in der zentralen Hochebene besteht vor allem aus
Büschen und Sträuchern.
Im Süden des Landes sind der
Trockenheit angepasste Hartlaubgewächse verbreitet. Dominante Arten der
Macchie sind Johannisbrotsträucher, Erdbeerbäume und Oleander. Außerdem
finden Agaven und Feigenkakteen hier ideale Wachstumsbedingungen. Der Anbau
von Olivenbäumen ist einer der wichtigsten landwirtschaftlichen Bereiche. Der
Olivenbaum ist die klassische Leitpflanze der mediterranen Flora. Eine der
vielen wissenschaftlichen Abgrenzungen des Mittelmeerraumes orientiert sich an
der Verbreitung des Ölbaumes. Während der Anbau im Landesinneren bis in die
Meseta hineinreicht, werden die küstennahen Gebiete bis in die Pyrenäen
kultiviert. In den trockensten Gebieten im Südosten wurden die typischen
Vertreter der Macchie durch die Gebüschformation Garigue verdrängt.
Die Flora setzt sich dabei aus niedrig wüchsigeren Pflanzen wie
Wolfsmilchgewächsen und Zistrosen zusammen.
Die Vegetation der Kanarischen Inseln
umfasst zahlreiche endemische Arten. Zu den markantesten Pflanzen gehört
dabei der Drachenbaum. Die Kanarische Dattelpalme breitete sich von den Inseln
über weite Teil des Mittelmeerraumes aus.
Fauna
Die früher vielfältigere Tierwelt ist durch die weiträumige Abholzung
reduziert worden. Viele Arten verloren ihre Lebensgrundlage und wurden
entweder in Randbereiche zurückgedrängt oder starben vollständig aus. Zum
Schutz bedrohter Arten wurden vor allem in den Pyrenäen, im Kantabrischen
Gebirge und im Mündungsbereich des Guadalquivir Nationalparks eingerichtet.
Die heutige Fauna Spaniens ist mit Ausnahme der Vogel- und Insektenwelt
überaus artenarm; sie entspricht der Tierwelt anderer Mittelmeerländer. In
den gebirgigeren Regionen leben Gämsen, Wölfe, Luchse, Füchse,
Wildschweine, Wildkatzen, Wildziegen, Rotwild und Hasen.
In feuchten Gebieten sind Flamingos,
Reiher und Haubentaucher verbreitet. Die Tierwelt Spaniens umfasst darüber
hinaus eine reichhaltige Vogelwelt mit einer Vielzahl von Raubvogelarten. Zu
den berühmtesten domestizierten Tieren gehören die Stiere, die in der Nähe
von Sevilla und Salamanca für den spanischen Nationalsport, den Stierkampf,
gezüchtet werden. Die Insektenwelt der Iberischen Halbinsel ist vielfältig.
In den Bergflüssen und -seen leben zahlreiche Fischarten wie Barben, Schleien
und Forellen. Die Küstengewässer sind reich an Thunfischen, Sardinen und
Schalentieren.
Bevölkerung
Spanien ist ein ethnisch überaus heterogenes Land. Die Bevölkerung Spaniens
ging im Wesentlichen aus der Mischung der ursprünglichen Bevölkerung der
Iberischen Halbinsel mit den Völkern hervor, welche die Halbinsel eroberten
und über lange Zeiträume hinweg besetzten. In diesen Perioden kamen
ethnologische Elemente der Römer, der Sweben, der Westgoten (siehe
Goten) und der Teutonen hinzu. Weiterhin können semitische Elemente
nachgewiesen werden. Viele ethnische Gruppen in Spanien haben sowohl kulturell
als auch sprachlich ihre Identität bewahrt. Hierzu zählen die etwa
2,5 Millionen Basken im Norden des Landes. Sie sind Nachkommen eines
nichtindogermanischen Volksstammes und zeigen traditionell starke Bestrebungen
zur Autonomie. Die historische Region der Basken reicht auf französisches
Staatsgebiet über. Im Nordwesten Spaniens leben rund 2,5 Millionen
Galicier. Eine weitere ethnische Gruppe sind die etwa acht Millionen
Katalanen, von denen die meisten in Katalonien leben. Weitere Siedlungsgebiete
der Katalanen sind die südlich angrenzenden Gebiete sowie die Balearen.
Außerdem leben in Spanien etwa 500 000 Sinti und Roma.
Die Einwohnerzahl Spaniens beträgt etwa
39,5 Millionen. Die Bevölkerungsdichte liegt bei etwa 78 Einwohnern
pro Quadratkilometer. Die Verteilung der Bevölkerung ist überaus
ungleichmäßig. Mehr als drei Viertel der Bevölkerung leben in den Städten.
Hohen Werten der Bevölkerungsdichte in den wirtschaftlich stark entwickelten
Gebieten und den Küstenregionen stehen zum Teil sehr niedrige Werte im
Landesinneren gegenüber. Die Zuwanderung von Menschen aus strukturschwachen
ländlichen Regionen in die großen Städte hält an. Mehr als drei Millionen
Spanier leben im Ausland, darunter etwa 200 000 in Deutschland.
Spanien besteht aus 17 Autonomen
Gemeinschaften mit insgesamt 52 Provinzen. Die Autonomen Gemeinschaften
sind Andalusien, Aragonien, Asturien, Balearen, Baskenland (País Vasco),
Kanarische Inseln, Kantabrien, Kastilien-La Mancha, Kastilien-León,
Katalonien, Extremadura, Galicien, La Rioja, Madrid, Murcia, Navarra und
Valencia.
Wirtschaft
Traditionell ist Spanien ein landwirtschaftlich geprägter Staat. Auch heute
noch ist es einer der größten landwirtschaftlichen Produzenten in
Westeuropa. Allerdings ist seit Mitte der fünfziger Jahre auch die Industrie
sehr schnell angewachsen. Eine ganze Reihe von Entwicklungsplänen, die 1964
aufgestellt wurden, unterstützten das Wirtschaftswachstum, das jedoch in den
späten siebziger Jahren durch steigende Erdölpreise und wachsende
Importraten gebremst wurde. Die Rezession traf eine Volkswirtschaft, die von
zum Teil veralteten Industrieanlagen geprägt war. Die ersten Jahre nach dem
Ende der Franco-Ära waren wirtschaftlich von einer Kapitalflucht
ausländischer Investoren gekennzeichnet. In der Folge förderte die Regierung
die Entwicklung der Stahl-, Schiffsbau-, Textil- und Bergbauindustrie. Der
Tourismus ermöglicht Spanien bedeutende Einnahmen. Die Handelsbilanz des
Landes ist jedoch negativ; die Ausgaben für Importe übersteigen die
Einnahmen aus Exporten. Seit dem 1. Januar 1986 ist Spanien Vollmitglied
der Europäischen Union (EU, ehemals Europäische Gemeinschaft) und wurde
damit – ebenso wie das Nachbarland Portugal – in den europäischen
Integrationsprozess einbezogen.
Das Bruttoinlandsprodukt liegt bei etwa
482 841 Millionen US-Dollar. Von den spanischen Erwerbstätigen
arbeiten 59 Prozent im Dienstleistungssektor, 31 Prozent sind im
produzierenden Gewerbe tätig, 10 Prozent in der Land- und
Forstwirtschaft sowie in der Fischerei. Die Arbeitslosenquote liegt bei etwa
23 Prozent.
Geschichte
Die frühesten Zeugnisse von Ureinwohnern der Iberischen Halbinsel sind
Höhlenzeichnungen aus der paläolithischen Epoche. Sie wurden am Golf von
Biscaya und in den westlichen Pyrenäen gefunden. Von der für den Norden
charakteristischen Entwicklung war die spätere neolithische Almeriakultur
(etwa 3000 v. Chr.) im Südosten Spaniens grundlegend verschieden. Diese
war eher mit der prähistorischen Geschichte Afrikas verwandt. Hier, in der
südlichen Region, begann die erste Besiedlung durch die Iberer, einem
ursprünglich nordafrikanischen Volk. Um 1000 v. Chr. hatten sie sich zum
bedeutendsten ethnologischen Element auf der Halbinsel entwickelt, die dann
auch nach ihnen benannt wurde. Ein anderes Volk, das ebenfalls einen
bedeutenden Einfluss auf die geschichtliche Entwicklung der Halbinsel hatte,
waren die Kelten, die im Zuge einer massiven Völkerwanderung von Frankreich
her eindrangen. Die Kelten absorbierten die eingeborene Bevölkerung der
zentralen Regionen fast vollständig, die der nördlichen Gebirgsregionen
jedoch in geringerem Ausmaß. Schließlich vermischten sich Kelten und Iberer
zum so genannten Volk der Keltiberer, das vorwiegend in den zentralen
Gebieten, im Westen und entlang der Nordküste lebte.
Altertum und Mittelalter
Das erste Volk, von dem man weiß, dass
es aus dem östlichen Mittelmeerraum auf die Halbinsel einwanderte, waren die
Phönizier. Dieses Seefahrervolk siedelte sich vermutlich im
11. Jahrhundert v. Chr. hier an. Die Phönizier gründeten an der
Stelle des heutigen Cádiz eine Kolonie. Ihnen folgten Kaufleute aus Rhodos
und den griechischen Städten, die weitere Kolonien an der Mittelmeerküste
gründeten und sich gelegentlich über die Straße von Gibraltar, die damals
noch die Säulen des Herkules hieß, bis in den Atlantik vorwagten. In
der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. begann der
afrikanische Staat der Karthager auf die Halbinsel vorzudringen. Der
karthagische General Hamilkar Barkas eroberte in einem Feldzug von 237 bis 228
v. Chr. weite Teile der Halbinsel. Die Karthager gründeten um 230 die
Stadt Barcelona. Weitere Kolonien wurden errichtet, u. a. Carthago Nova
(heute Cartagena). Das Vordringen Karthagos wurde von Rom mit Misstrauen
beobachtet. 219 v. Chr. zerstörte der karthagische General Hannibal die
griechische Kolonie Saguntum (heute Sagunto). Er verletzte damit ein zuvor
zwischen Karthago und Rom geschlossenes Abkommen, in dem die Grenzen des
karthagischen Territoriums festgelegt worden waren, und beschwor damit den
zweiten Punischen Krieg herauf. 206 v. Chr. war Karthago gezwungen, die
Halbinsel aufzugeben. Neun Jahre später untergliederte Rom sie in zwei
Provinzen, Hispania Citerior im Nordosten im Tal des Ebro und Hispania
Ulterior in der Ebene im Süden, durch die der Guadalquivir fließt. Die
Volksstämme im hohen Norden konnten ihre Unabhängigkeit von Rom bis 19
v. Chr. aufrechterhalten. Unter den Römern wurde Spanien dann endgültig
in drei Provinzen aufgeteilt: Lusitania, dessen Territorium in etwa dem
modernen Portugal entspricht, Baetica im Süden, das dem heutigen
Westandalusien entspricht, und Hispania Tarraconensis, zu dem die Zentralebene
sowie die nördlichen, nordwestlichen und östlichen Küstengebiete nördlich
von Cartagena gehörten. Von der endgültigen Unterwerfung der iberischen
Volksstämme bis zur Auflösung des Weströmischen Reiches gegen Ende des
4. Jahrhunderts n. Chr. war Hispania eines der ökonomisch
bedeutendsten Gebiete, die unter römischer Kontrolle standen. Die spanische
Landwirtschaft war der größte Getreidelieferant Roms, und aus den
Bergbauminen wurden Eisen, Kupfer, Blei, Gold und Silber in das Imperium
transportiert.
Spanien zur Zeit der Westgoten
409 n. Chr. stießen die Alanen,
Vandalen und Sweben über die Pyrenäen auf die Halbinsel vor. Die Einheit von
Hispania unter römischer Herrschaft war zerstört. In der Hoffnung, der
Verwüstung des Landes Einhalt gebieten zu können, die diese Invasionen mit
sich brachten, wandten sich die Römer hilfesuchend an die Westgoten. Diese
entsandten 412 n. Chr. ihre Armeen in die Region und wurden innerhalb von
sieben Jahren zur stärksten Macht. Sie etablierten 419 das Königreich von
Toulouse, das nur dem Namen nach Rom als Vasall unterstand. Zur Zeit seiner
größten territorialen Ausdehnung umfasste dieses Königreich die Gebiete von
der Straße von Gibraltar bis in den Norden an die Loire im heutigen
Frankreich. Drei Jahrhunderte lang (419-711) prägte der König von Toulouse
die Halbinsel im Sinne der römischen Kultur und des Christentums. Auf dem
Höhepunkt der westgotischen Macht im 5. Jahrhundert übernahm Eurich die
Regentschaft und schuf den ersten Gesetzeskodex für römisches und
germanisches Recht. Leowigild, der von 569 bis 586 regierte, setzte die
endgültige Unterjochung der Swebenstämme durch und vereinigte die römischen
und westgotischen Elemente der Halbinsel zu einem einheitlichen Volk. Von 586
bis 601 etablierte Rekkarred I. den römischen Katholizismus als
offizielle Staatsreligion.
Spanien unter den Mauren
711 überquerte eine muslimische Berberarmee unter der Führung von Tariq
ibn-Ziyad die Straße von Gibraltar und drang von Nordafrika her auf die
Iberische Halbinsel ein. Roderich, der letzte der Westgotenkönige Spaniens,
wurde in der Schlacht am Río Barbate vernichtend geschlagen. Bis 719 hatten
die Invasionstruppen das gesamte Gebiet von der Küste bis an die Pyrenäen
unter ihre Kontrolle gebracht. 732 fand ihr Vordringen Richtung Norden in
einer Schlacht in Frankreich, zwischen Tours und Poitiers, ein Ende, in der
sie dem fränkischen Herrscher Karl Martell unterlagen. In den ersten Jahren
ihrer Herrschaft hielten die Mauren, wie die Berber genannt wurden, die als
Eroberer ins Land kamen, die Halbinsel (mit Ausnahme von Asturien und dem
Baskenland) als eine Art Kolonie der Provinz Nordafrika, einem
Verwaltungsbezirk des Kalifats von Damaskus. Nach 717 stand das Land unter der
Herrschaft von Emiren, die von den Kalifen ernannt wurden; diese hatten
oftmals ihre Pflichten sehr vernachlässigt. Die Missherrschaft hatte in den
folgenden 40 Jahren die Ernennung und Absetzung von insgesamt
20 Emiren zur Folge. Diese Sachlage führte zwischen den Dynastien der
Omaijaden und der Abbasiden zu Machtkämpfen um die Kontrolle des Kalifats.
Der letzte der spanischen Emire, Yusuf, sympathisierte mit den Abbasiden, aber
die regionalen Würdenträger des Imperiums befürworteten die Omaijaden. Die
Gruppe der Omaijaden unterstützte die Bestrebungen Abd-ar-Rahmans I.,
eines Mitglieds der Familie, die sich auf die Etablierung einer unabhängigen
Herrschaft in Spanien richteten. 756 gründete Abd-ar-Rahman ein mächtiges
und politisch unabhängiges Emirat, das sich später zum Kalifat von Córdoba
entwickelte.
Während der weiteren Festigung der
Macht der Mauren konnte sich ein letzter Rest der christlichen Herrschaft in
den nördlichen Gebieten der Halbinsel behaupten. Der bedeutendste christliche
Staat auf der nördlichen Halbinsel, das kleine Königreich von Asturien,
wurde um 718 von Pelayo, einem Anführer der Westgoten, gegründet. Pelayos
Schwiegersohn, Alfonso, eroberte fast die gesamte Region, die als Galicien
bekannt war, gelangte wieder in den Besitz großer territorialer Gebiete von
León und wurde letztendlich als Alfonso I. zum König von León und
Asturien gekrönt. Alfonso III. vergrößerte diese Territorien während
seiner Regentschaft bis 910. Im 10. Jahrhundert wurde die Region von
Navarra unter Sancho I. ein unabhängiges Königreich. Zu Beginn des
10. Jahrhunderts dehnten die Könige von León ihr Herrschaftsgebiet
Richtung Osten weiter bis Burgos aus. Aufgrund der Burgen, die hier
entstanden, um die Grenzen der neu eroberten Gebiete verteidigen zu können,
wurde diese Region Castilla oder Kastilien genannt. Unter Graf Fernán
González erhielt das Gebiet seine Unabhängigkeit von León, und 932
erklärte der Graf sich selbst zum ersten König von Kastilien. Im
11. Jahrhundert eroberte Sancho III., König von Navarra,
beträchtliche Gebiete von Aragonien, die unter maurischer Herrschaft standen,
sowie León und Kastilien. 1033 setzte er seinen Sohn, Ferdinand I., auf
den Königsthron von Kastilien. Diese zeitweilige Vereinigung der Reiche
endete mit dem Tod Sanchos. Das Territorium wurde unter seinen Söhnen
aufgeteilt. Der berühmteste Sohn von Sancho war Ferdinand, der 1037 León
eroberte, die maurischen Gebiete von Galicien übernahm und auf dem
Territorium des heutigen Portugals einen Vasallenstaat errichtete. Durch das
Bündnis mit Nordspanien gestärkt, erhob sich Ferdinand 1056 selbst zum
Kaiser von Spanien (von Latin Hispania). Damit begann die Periode der
Rückeroberungen der Gebiete, die unter muslimischer Herrschaft standen.
Die Reconquista
Als die große Reconquista begann, hatte das
muslimische Spanien etwa drei Jahrhunderte lang unter der Herrschaft der
Omaijaden-Dynastie gestanden. Der bedeutendste ihrer Regenten war
Abd-ar-Rahman III., der sich 929 selbst zum Kalifen ernannte. Seine
Hauptstadt, Córdoba, entwickelte sich nach Konstantinopel zur prächtigsten
Stadt Europas, und die spanische Kultur war der der übrigen Staaten auf dem
Kontinent weit überlegen. In dieser Zeit wurden viele Schulen gebaut, deren
Besuch kostenlos war und somit auch den Armen den Zugang zu
Bildungseinrichtungen ermöglichte. An den großen muslimischen Universitäten
wurden Studien in den Bereichen Medizin, Mathematik, Philosophie und Literatur
betrieben. Aristoteles wurde hier z. B. schon lange studiert, bevor sein
Name im christlichen Europa berühmt wurde. Besonders die Literatur erlebte
eine enorme Entwicklung, begünstigt dadurch, dass viele der Kalifen selbst
bedeutende Dichter und Schriftsteller waren. Auch die Kunst und Architektur
erlebte eine Blütezeit (siehe islamische Kunst und Architektur). Die
Omaijaden trugen außerdem zur Förderung des Handels und der Landwirtschaft
bei. In der gesamten südlichen Region legten sie effektive
Bewässerungssysteme an.
Die Dynastie zerfiel 1036 mit dem Tod
Hishams III., und das Kalifat teilte sich in eine Reihe unabhängiger und
untereinander verfeindeter maurischer Königreiche, zu denen Córdoba,
Granada, Sevilla, Toledo, Lissabon, Zaragoza, Murcia und Valencia gehörten.
Die Auflösung der maurischen Zentralmacht ermöglichte es den christlichen
Königen Nordspaniens, weiter Richtung Süden vorzudringen. Einige der
maurischen Staaten wurden vollkommen unterworfen, andere dagegen in
tributpflichtige Staaten umgewandelt. Zwischen 1023 und 1091 gelang es den
Abbasiden von Sevilla, für kurze Zeit wieder eine Zentralmacht zu etablieren.
Alfonso I. von Kastilien führte seine Angreiferarmeen in den Süden, und
bis 1086 hatte er das Gebiet von Toledo erobert. Abbad al-Mutamid, Abad III.
von Sevilla genannt, rief die Almoraviden, eine muslimische Sekte aus
Nordafrika, zu Hilfe. Die Almoraviden drangen nach Spanien vor, aber nachdem
sie 1086 Alfonso besiegt hatten, wandten sie sich gegen die spanischen Mauren.
Zu Beginn des 12. Jahrhunderts übernahm der Herrscher der Almoraviden
die Regentschaft über das muslimische Spanien. Allerdings war die
Almoraviden-Dynastie nur von kurzer Dauer. Ihre Macht wurde von einer zweiten
afrikanischen Sekte übernommen, den Almohaden, die 1145 in Spanien einfielen
und innerhalb von nur fünf Jahren die Herrschaft in allen muslimischen
Gebieten übernommen hatten. In der Zwischenzeit waren die christlichen
Könige weiter vorgedrungen. In einer großen Schlacht auf den Ebenen von
Toledo, die im Juli 1212 stattfand, wurden die Almohaden von den verbündeten
christlichen Heeren vernichtend geschlagen und kurz danach aus Spanien
vertrieben. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich nur noch einige Häfen in der
Nähe von Cádiz und das Königreich von Granada unter der Herrschaft der
Mauren. Granada konnte sich bis 1492 behaupten. Es war eines der größten und
prächtigsten aller muslimischen Königreiche.
Abgesehen von diesen Regionen bestand
Spanien die nächsten beiden Jahrhunderte im Prinzip aus zwei großen
Königreichen: im Westen Kastilien und León, einschließlich Asturiens,
Córdobas, Extremaduras, Galiciens, Jaéns und Sevillas, und im Osten
Aragonien, zu dem Barcelona, Valencia und die Inselgruppe der Balearen
gehörte. Beide Königreiche hatten das Erbe ihrer vorangegangenen Geschichte
übernommen, die Vielfältigkeit der Dialekte, die gemischte Bevölkerung (zu
der Christen, Mauren und Juden gehörten) und die voneinander abweichenden
politischen Formen.
Spanien zu Beginn der modernen Ära
1469 ermöglichte die Heirat
Isabellas I. von Kastilien und Ferdinands II. von Aragonien die
Entwicklung Spaniens zu einer Großmacht. Sie wurden gemeinsame Herrscher von
Kastilien (1474) und Aragonien (1479). Eine tatsächliche Vereinigung der
beiden Königreiche kam jedoch nicht zustande. Jeder Monarch übte seine Macht
als Souverän lediglich in seinem eigenen Königreich aus. Aragonien, das
kleinere und ärmere Reich, wurde zunehmend vernachlässigt. Die
Aufmerksamkeit konzentrierte sich stattdessen auf die Verstärkung der
königlichen Autorität im reicheren und dichter besiedelten Kastilien.
Großen Wert legten die frommen Monarchen (die den Titel „Katholische
Könige" erhielten) auf die 1478 etablierte Inquisition zur Förderung
der Reinheit des Glaubens. Die Inquisitoren wurden vom König ernannt, sowohl
mit weltlicher als auch kirchlicher Macht ausgestattet, von der normalen
Rechtsprechung befreit und mit einer Vielzahl von Informanten und Leibwachen
versorgt. Die Verhöre fanden unter strikter Geheimhaltung statt, und die
Besitztümer der Verurteilten wurden zwischen der Krone, der Inquisition und
den Anklägern aufgeteilt.
1480 berief Isabella in Toledo die
Cortes (Ständeparlament) ein. Diese Cortes schufen die legislativen
Grundlagen für den königlichen Absolutismus in Kastilien. Die Kodifizierung
der Gesetze wurde wieder aufgenommen, das Justizsystem reformiert und die
Macht des Adels eingeschränkt. Außerdem wurden die Verwaltungsstrukturen
sowie die Methoden zur Rekrutierung von Staatsbediensteten systematisiert,
wodurch Kastilien sich vermutlich zum modernsten großen Staat seiner Zeit
entwickelte. Während des zehnjährigen Krieges gegen Granada, der letzten
maurischen Festung auf der Iberischen Halbinsel, konnte die königliche Macht
weiter gefestigt werden. Diese Bemühungen fanden 1492 nach dem Fall Granadas
zunächst in der politischen Vereinigung aller Gebiete Spaniens ihren
Höhepunkt. Danach wurde die religiöse Einheitlichkeit erzwungen. Die
verbliebenen Mauren und Juden mussten zum christlichen Glauben konvertieren
oder wurden des Landes verwiesen. Allein von den Juden wählten etwa
150 000 den letzteren Weg. Die größten historischen Konsequenzen hatte
jedoch eine zunächst scheinbar unbedeutende Handlung, nämlich die
finanzielle Unterstützung von Christoph Kolumbus bei seiner Suche nach einer
westlichen Route nach Indien.
Die Entstehung einer Weltmacht
Die neue Stärke Kastiliens wurde durch die
Tatsache offenbar, dass dieses Land in der Lage war, ein riesiges Imperium in
Übersee aufzubauen und gleichzeitig die Vorherrschaft in Europa zu
übernehmen. Die Reisen des Kolumbus, die für große Aufregung sorgten,
brachten in den nächsten zwei Jahrzehnten lediglich enttäuschende Resultate.
Dann begann die spektakuläre Expansion Spaniens auf dem amerikanischen
Kontinent. Die bedeutendsten Ereignisse waren die Zerstörung des
Aztekenreiches in Mexiko durch Hernán Cortés von 1519 bis 1521 und die
Eroberung des Inkareiches von Peru durch Francisco Pizarro von 1531 bis 1533.
Bis zu den fünfziger Jahren des 16. Jahrhunderts hatte Spanien die
Kontrolle fast auf dem gesamten südamerikanischen Kontinent, in
Mittelamerika, Florida, Kuba sowie in Asien und auf den philippinischen Inseln
übernommen. Durch die Entstehung dieses Reiches konnte das Christentum
erstmalig über den Atlantik vordringen. Außerdem gelangten auf diesem Wege
gewaltige Reichtümer nach Spanien, als in den dreißiger Jahren des
16. Jahrhunderts die großen Silber- und Goldminen entdeckt wurden.
Spaniens Expansion in Europa begann kurz
bevor das Land über diese immensen Reichtümer verfügen konnte. Seinen
Aufstieg zu einer der europäischen Großmächte verdankte Spanien
hauptsächlich König Ferdinand, der eine brillante Diplomatie, hervorragende
militärische Kommandeure und die neuen Techniken, die während des Krieges
gegen Granada erfunden worden waren, zu nutzen wusste. Der wichtigste Gegner
war Frankreich, sowohl entlang der Grenze, welche die beiden Staaten trennte,
als auch in Italien, wo die traditionellen Interessen Aragoniens durch die
französischen Bemühungen, die Halbinsel zu kontrollieren, bedroht wurden.
Die Auseinandersetzungen begannen mit einer erfolgreichen Kampagne 1495 bis
1497 im Süden Italiens und dauerten mit einigen Unterbrechungen fast zwei
Jahrzehnte an, bis Ferdinand starb. Zu diesem Zeitpunkt hatte Spanien
Süditalien, die gesamte Region von Navarra südlich der Pyrenäen und die
Regionen von Cerdagne und Roussillon weiter nördlich unter seine Kontrolle
gebracht. Ferdinand gelang es auch, strategische Bündnisse mit anderen
Königshäusern zu schaffen, die Frankreich gegenüber feindlich gesinnt
waren. Eine seine Töchter verheiratete er mit einem englischen Thronerben und
eine andere, Johanna, mit dem Habsburger Philipp von Burgund, dem späteren
König Philipp I. von Kastilien. 1504 fanden die Expansionsbestrebungen
mit dem Tod Isabellas im Prinzip ein Ende. Die Krone Kastiliens ging an
Johanna über, die dem Wahnsinn verfiel. Ferdinand, in Sorge um die
Aufrechterhaltung der Einheit von Kastilien und Aragonien, versuchte die
Regentschaft zu übernehmen. Er wurde aber von Philipp überlistet, der mit
der Unterstützung der kastilischen Adeligen an Stelle seiner Frau die
Herrschaft übernahm. 1506 starb Philipp jedoch, und wiederum übernahm
Ferdinand die alleinige Führung der beiden Königreiche. Ferdinand starb
1516. Nachfolger wurde sein Enkelsohn Karl, Sohn Johannas und Philipps, der
als legaler Erbe beider Königreiche der erste König eines vereinigten
Spaniens wurde.
Karl V.
Durch die Thronbesteigung Karls gelangte die
Habsburger Dynastie auch in den Besitz des spanischen Throns. Karl war der
mächtigste christliche Monarch seiner Zeit. Zusätzlich zu Spanien und dessen
Besitzungen in Italien und Amerika übernahm er seitens seines Vaters als Erbe
die Niederlande und das Burgund. Er verfügte auch über starke Verbindungen
zur österreichischen Linie des Habsburger Hauses, und 1519 wurde er als
Karl V. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gewählt. Karl war in
Flandern aufgewachsen und der spanischen Sprache nicht mächtig. Daher
versuchte er, Spanien mit Hilfe ausländischer Berater zu regieren. Der
spanische Unwille gegen diese Politik wuchs, und 1520 bis 1521 kam es in
Toledo, Segovia und anderen kastilischen Städten zu Aufständen, deren
Hintergrund die Forderungen nach größerer Freiheit der städtischen
Verwaltungen waren. Die Unruhen wurden mit Hilfe des Adels niedergeschlagen,
und es sollte drei Jahrhunderte dauern, bis erneut der Unmut gegen den
königlichen Absolutismus in Spanien zum Ausbruch kam. Obwohl Karl sich
weiterhin die meiste Zeit außerhalb von Spanien aufhielt, erfreute er sich
doch zunehmender Popularität bei seinen spanischen Untertanen. Dieses
offensichtliche Paradoxon lässt sich mit dem großen Wohlstand Kastiliens
während seiner Regentschaft erklären, der teilweise auf die Reichtümer
zurückzuführen war, die aus den amerikanischen Kolonien hierher gelangten.
Gleichzeitig reflektierte dieser auch das Wachstum der Produktion und der
Bevölkerung sowie den Stolz auf die großen kaiserlichen Errungenschaften
Spaniens. Mit der Unterstützung Karls führten Cortés, Pizarro und andere
während seiner Regentschaft weitere Forschungs- und Eroberungsexpeditionen in
Amerika durch. Die antifranzösische Strategiepolitik Ferdinands wurde in
einer Reihe von Kriegen fortgeführt (1521-1529, 1535-1538, 1542-1544,
1551-1559), aus denen Spanien letztendlich als vorherrschende Macht sowohl in
Nord- als auch in Süditalien hervorging. Karl stand an der Spitze der
katholischen Bemühungen, die erst eine Versöhnung und später die
Unterdrückung der protestantischen Reformation, die sich über Nordeuropa
ausbreitete, anstrebten. Im Süden entsandte er Kriegstruppen gegen Tunesien
(1535) und Algerien (1541), um den westlichen Mittelmeerraum gegen die
türkischen Expansionsbestrebungen zu schützen.
Philipp II.
1556 überließ Karl den spanischen Thron
seinem Sohn, Philipp II., der in der langen Abwesenheit Karls bereits die
Regierungsgeschäfte geführt hatte. Als Philipps Regentschaft begann,
herrschte Ruhe in Spanien. Das amerikanische Imperium war nun vollkommen
gefestigt, und unvorstellbare Mengen an Silber flossen nach Kastilien. Die
erschöpfenden Kriege mit Frankreich fanden im Frieden von Cateau-Cambrésis
1559 ein vorläufiges Ende, und für die nächsten vier Jahrzehnte wurde
Frankreich von tief greifenden religiösen Konflikten erschüttert, die es dem
Land unmöglich machten, auch noch spanische Interessensgebiete anzugreifen.
Damit brach Spaniens „goldenes Zeitalter" der Kunst und Kultur an, das
ein Jahrhundert andauern sollte. 1571 übernahm Spanien die Führung der
Heiligen Liga, die in der Schlacht von Lepanto den Türken eine vernichtende
Niederlage beibrachte. Damit war die türkische Seemacht auf Dauer gebrochen.
Als König Heinrich von Portugal neun Jahre später starb, konnte Philipp auch
hier die seitens seiner Mutter legalisierten Ansprüche auf den
portugiesischen Thron erheben. Rivalisierende Mitbewerber wurden
überwältigt, und der Unwille des portugiesischen Volkes gegen eine
Fremdherrschaft wurde mit Hilfe von Konzessionen besänftigt. Durch die
Vereinigung Spaniens mit Portugal, das Territorien in Asien, Afrika und
Brasilien besaß, entstand das bedeutendste Imperium der Welt, das auch von
der Ausdehnung her das größte war.
Die Auseinandersetzungen nahmen jedoch
weiterhin zu. Philipp war auf seine Treue zum römischen Katholizismus und die
Aufrechterhaltung der absolutistischen Macht bedacht. Die Kombination dieser
politischen Prinzipien hatte eine verhängnisvolle Entwicklung in den
Niederlanden zur Folge. Philipps Verfolgung der Protestanten und seine
Versuche, die Niederlande ohne Berücksichtigung ihrer traditionellen Rechte
wie eine Provinz Spaniens zu regieren, führten 1566 zu offenen Aufständen.
Diese Konflikte dauerten ein halbes Jahrhundert an und erschöpften die
Reserven Spaniens. Sie hatten außerdem den Krieg mit England zur Folge. Unter
Königin Elisabeth I. entwickelte sich England zu einer protestantischen
Macht, deren Außenpolitik die inoffizielle Unterstützung der
niederländischen Rebellen sowie der englischen Seefahrer beinhaltete, die
ständige Vorstöße gegen die spanischen Kolonien und die Silberflotten in
Amerika unternahmen. Philipp entsandte 1588 eine riesige Flotte gegen England,
aber die große spanische Armada wurde im Ärmelkanal vernichtend geschlagen.
Die meisten der Schiffe, die diese Schlacht überstanden hatten, sanken bei
einem Sturm vor den Hebriden. In der Zwischenzeit hatte sich die Situation im
eigenen Land zunehmend verschlechtert. Die Reichtümer, die aus den
amerikanischen Kolonien kamen, reichten allein für die Finanzierung der
spanischen Kriege nicht aus. Die Besteuerung wurde extrem verschärft, und der
Staat kam seinen Verpflichtungen aus Darlehen nicht mehr nach. Auch die
Epidemien, die in Spanien in den neunziger Jahren des 16. Jahrhunderts um
sich griffen und zu einer drastischen Reduzierung der Bevölkerung führten,
hatten eine zunehmende wirtschaftliche Instabilität zur Folge. Als Philipp
zusätzlich auch noch die Inquisition verstärkte, verschloss sich auch die
Intelligenz in erhöhtem Maße den Strömungen eines neuen Denkens. Als
Philipp 1598 starb, hinterließ er ein Land, das international an Bedeutung
verloren hatte.
Krise und Niedergang
Philipp III. beendete die
Auseinandersetzung mit den Niederlanden und schränkte auch die anderen
Unternehmungen Spaniens auf ausländischem Boden ein. 1609 verwies er etwa
250 000 Morisken (christianisierte Mauren) des Landes, was eine
weitere Abnahme der Bevölkerung sowie eine Erschütterung der Wirtschaft
Spaniens zur Folge hatte. Philipp IV., der nach dem Tod seines Vaters
1621 den Thron bestieg, zog die Kultur der Politik vor. Unter seiner
Regentschaft erreichte das goldene Zeitalter Spaniens seine höchste Blüte.
Die Regierungsgeschäfte übertrug er Gaspar de Guzmán, Graf von Olivares.
Dieser versuchte, Spaniens Macht im Ausland wieder herzustellen und sogar noch
zu erweitern. Er nahm den Krieg gegen die Niederlande wieder auf, griff in den
Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) ein und geriet dadurch nach 1635 in eine
offene Auseinandersetzung mit Frankreich. Obwohl sich die militärischen
Bestrebungen Spaniens im Ausland anfangs recht erfolgreich gestalteten,
konnten sie vom eigenen Land nicht länger getragen werden. Olivares
verschärfte weiterhin die Besteuerung, und als er die allgemeine Wehrpflicht
einführte, kam es 1640 erst in Katalonien und dann in Portugal zu
Aufständen. Mit den chaotischen Zuständen im eigenen Land scheiterte Spanien
auch zusehends im Ausland. Olivares wurde seines Amtes enthoben, aber der
Geist der Revolutionen und Kriege, die durch seine Politik entfacht worden
waren, spukte in Spanien noch die nächsten drei Jahrzehnte. Katalonien wurde
1652 wieder annektiert, aber 1648 musste Spanien die Unabhängigkeit der
Niederlande anerkennen. Roussillon und Cerdagne gingen 1659 wieder an
Frankreich über und 1668 spaltete sich auch Portugal endgültig von Spanien
ab. Eine weitere Schwächung erlitt Spanien durch die rapide Ausbeutung der
Silberminen in Amerika, die nach 1640 zu versiegen begannen. Damit nahm
wirtschaftlich, politisch und kulturell die lange Epoche des Niedergangs
Spaniens ihren Anfang. Auch der neue Regent, Karl II., war aufgrund
körperlicher Gebrechen und geistiger Schwäche nicht in der Lage, diese
Entwicklung durch eine effektive Regierung aufzuhalten. Durch eigennützige
Zwistigkeiten im Inneren erschüttert, wurde Spanien durch die verlorenen
Kriege im Ausland noch weiter geschwächt.
Mit dem Tod Karls erlosch die männliche
Linie der spanischen Habsburger. Karl verfügte testamentarisch, dass der
Thron an seinen Großneffen, Philipp V., Herzog von Anjou und Enkelsohn
des Bourbonenkönigs Ludwig XIV. von Frankreich, überging, der zu seiner
Zeit der mächtigste Monarch war. Die meisten der europäischen
Herrscherhäuser waren von der Übernahme der noch immer unfangreichen
Territorien Spaniens durch die Bourbonen alarmiert. Sie unterstützten deshalb
die Habsburger Thronansprüche, die der jüngere Sohn des Kaisers des Heiligen
Römischen Reiches, Leopold I., repräsentierte. England, die
Niederlande, Österreich, Preußen und verschiedene kleinere Staaten schlossen
sich zu einer Koalition gegen Ludwig XIV. zusammen. 1701 begann der
Spanische Erbfolgekrieg. 1711 drohte durch die Unterstützung der Habsburger
Ansprüche auch das europäische Kräftegleichgewicht aus den Fugen zu
geraten. Karl VI. wurde nach dem Tod seines Bruders Kaiser des Heiligen
Römischen Reiches und erbte die österreichischen Besitzungen. Im Frieden von
Utrecht fand man 1713 eine Kompromisslösung. Die meisten der europäischen
Besitzungen außerhalb Spaniens wurden an Österreich abgetreten, aber dafür
wurde der Bourbone als König Philipp V. von Spanien anerkannt. Die
Kolonien in Übersee blieben ihm erhalten.
Die ersten Bourbonen
Die bourbonische Herrschaft war von tief
greifenden Veränderungen und einer internen Entwicklung Spaniens
gekennzeichnet. Philipp, der durch die Schule des Absolutismus
Ludwigs XIV. gegangen war, brachte Katalonien und Aragonien, die noch
immer ihren Status als unabhängige Staaten aus dem Mittelalter
aufrechterhielten, unter die bürokratische Zentralgewalt. Die administrativen
und steuerlichen Reformen der Bourbonenkönige verbesserten die Effektivität
der Regierung und reduzierten die Privilegien der Kirche und des Adels.
Umfangreiche Programme für öffentliche Arbeit wurden ins Leben gerufen, und
Handel, Industrie und Landwirtschaft erhielten die Unterstützung und
Förderung des Königshauses. So wie das Wachstum von Wirtschaft und
Bevölkerung zunahm, erfuhr auch das intellektuelle Leben wieder einen
Aufschwung. Die amerikanischen Kolonien wurden umstrukturiert und die
Handelsbeziehungen Spaniens zu diesen Gebieten ausgebaut.
Die Außenpolitik der ersten Bourbonen
war durch ein enges Bündnis mit Frankreich charakterisiert. In Bezug auf die
Stellung als Seemacht wie auch beim Kampf um die Kolonien war Großbritannien
nach wie vor der Hauptgegner Spaniens. Spanien griff auf der Seite von
Frankreich gegen Österreich in die Polnischen Erbfolgekriege (1733-1735) und
in den Österreichischen Erbfolgekrieg (1740-1748) ein. Im Ergebnis dieser
Auseinandersetzungen konnte Spanien seinen Einfluss in den italienischen
Gebieten, den es 1713 verloren hatte, wieder geltend machen. 1762 kämpfte
Spanien an der Seite Frankreichs im Siebenjährigen Krieg gegen
Großbritannien. Als die Briten gewannen, verlor Spanien zwar Florida, erhielt
dafür aber als Ausgleich von Frankreich Louisiana zugesprochen. Die beiden
Nationen verbündeten sich 1779 erneut, um während des Nordamerikanischen
Unabhängigkeitskrieges gegen Großbritannien zu kämpfen. Durch den Vertrag
von Versailles erhielt Spanien 1783 Florida zurück. Die spanische Präsenz
erstreckte sich nun auch größtenteils über den nordamerikanischen
Kontinent. Unter Karl III., einem aufgeklärten Herrscher, dem das Land
zahlreiche innen- und außenpolitische Errungenschaften verdankte, kehrte
Spanien zum Teil zu seiner früheren Größe zurück.
Auswirkungen der Französischen
Revolution
Der nächste König, Karl IV., war ein
schwacher Herrscher. Besonders nach 1792, als er die Regierungsgeschäfte
Manuel de Godoy übertragen hatte, wurde er zunehmend ein Opfer von Intrigen
und Korruption. Die außergewöhnlichen Umwälzungen, die als Folge der
Französischen Revolution 1789 in ganz Europa zu spüren waren, hatten
besonders für Spanien negative Auswirkungen. Die Befürchtungen, dass die
revolutionären Ideen in Spanien Fuß fassen könnten, ließen das Land wieder
in die Zeit der gewaltsamen Unterdrückungspolitik zurückfallen. 1793,
nachdem der französische Bourbonenkönig hingerichtet worden war, verbündete
sich Spanien mit anderen europäischen Mächten und erklärte der
revolutionären Regierung den Krieg. Doch schon bald darauf, als die
französischen Armeen plündernd durch die nördlichen Provinzen zogen, musste
sich das Land geschlagen geben. Als die revolutionären Leidenschaften in
Frankreich abklangen, wechselte Godoy 1796 erneut den Kurs und bildete wieder
eine Allianz gegen Großbritannien. Der britischen Übermacht zur See war man
jedoch nicht gewachsen, und so wurde Spanien für das nächste Jahrzehnt von
den amerikanischen Kolonien abgeschnitten, was für die Wirtschaft
katastrophale Folgen hatte. Noch verheerendere Folgen brachte die veränderte
Stellung Frankreichs mit sich, das eher wie ein Gebieter, denn wie ein
Verbündeter agierte. Bereits 1799 hatte Napoleon faktisch das gesamte Land
unter seine Kontrolle gebracht. Louisiana wurde 1800 wieder an Frankreich
abgetreten, und durch den 3. Koalitionskrieg (Spanien verlor 1805 in der
Schlacht von Trafalgar seine gesamte Flotte) wurde das Land zu einer
Marionette Frankreichs (siehe Koalitionskriege). Der Unwille des
spanischen Volkes wuchs ständig an, und im März 1808 wurde Godoy gestürzt.
Karl dankte zugunsten seines Sohnes Ferdinand ab. Napoleon, der bereits fest
entschlossen war, die direkte Kontrolle über Spanien zu übernehmen, nutzte
die Wirren der Situation aus, zwang Ferdinand und Karl zum Verzicht auf die
spanische Krone und setzte seinen Bruder, Joseph Bonaparte, auf den Thron.
Unabhängigkeitskrieg
Das spanische Volk lehnte es ab, Joseph als
König anzuerkennen. Es begann den Widerstand gegen die französische
Besatzung mit Hilfe britischer Truppen zu organisieren. In Großbritannien
wurde dieser Konflikt unter dem Namen Halbinselkrieg bekannt, da auch
Portugal darin verwickelt war. Bis Januar 1810 hatten die Franzosen die
spanischen Hauptarmeen vernichtet und das Land größtenteils in ihre Gewalt
gebracht. Die Spanier organisierten sich in Guerillabanden und führten einen
effektiven Kleinkrieg gegen die französischen Truppen. Damit konnten sie
einerseits die Vernichtung der britischen Armee in Portugal und andererseits
die vollständige Übernahme Spaniens verhindern. Dadurch wurde auch das
Treffen der Nationalversammlung ermöglicht, das 1810 bis 1813 in Cádiz
stattfand. Die Versammlung verabschiedete eine Verfassung, welche die
absolutistische Herrschaft beendete, etablierte eine parlamentarische
Regierung, leitete die Abschaffung der Inquisition ein, beschränkte die Macht
von Adel und Klerus und beschloss weitere Reformen. Die Verfassung, die für
ihre Zeit überaus fortschrittlich war, wurde zur entscheidenden Kernfrage der
nachfolgenden Politik Spaniens. Sechs lange Kriegsjahre fügten der Wirtschaft
Spaniens einen immensen Schaden zu. Außerdem begannen die amerikanischen
Kolonien ihre Unabhängigkeit zu fordern. 1826 standen nur noch Kuba und
Puerto Rico unter spanischer Vorherrschaft. Die Kolonien auf dem Festland
hatten alle ihre Freiheit erlangt, und damit konnte Spanien auch nicht mehr
auf deren Ressourcen zurückgreifen.
Die Krise der Monarchie
Ferdinand VII. kehrte nach dem Sieg
über Napoleon 1814 nach Spanien zurück. Er hob die Verfassung von Cádiz
auf, führte die absolutistische Herrschaft wieder ein und verstärkte den
politischen Druck auf die Liberalen. Sechs Jahre später brach eine Revolution
unter der Führung von Armeeoffizieren aus, die die Verfassung erneut in Kraft
setzten. Die Liberalen waren aber nicht in der Lage, eine effektive Herrschaft
zu errichten, und Spanien blieb weiterhin politisch geteilt. Da die Mitglieder
der Heiligen Allianz eine Ausweitung der Revolution in Europa fürchteten,
wurden 1823 französische Truppen mit dem Sturz des liberalen Regimes
beauftragt. Damit kehrte Ferdinand als Vertreter des Absolutismus an die Macht
zurück.
Der Karlistenkrieg
Ferdinand, der ohne männlichen Erben
geblieben war, bestimmte 1831 seine noch unmündige Tochter Isabella zu seiner
Nachfolgerin. Sein Bruder Carlos wandte sich jedoch an die politischen
Extremisten. 1833 legten diese fest, dass eher Carlos als Isabella II.
einen legalen Anspruch auf das Thronerbe habe. Dieser Konflikt innerhalb des
Herrscherhauses endete in einem Bürgerkrieg, in dem die Karlisten gegen die
so genannten Cristinos kämpften, den Anhängern von Isabellas Mutter Maria
Christina, die zu dieser Zeit die Regentschaft innehatte. Um den Sieg über
die Liberalen nicht zu gefährden, erließ Maria Christina 1834 an Stelle
einer Verfassung eine königliche Charta. Die Karlisten wurden vor allem von
den ländlichen Gebieten im Norden Spaniens (besonders den Baskenprovinzen und
Katalonien) unterstützt, in denen der Klerus noch immer einen großen
Einfluss hatte und die zentralistische Gewalt vollkommen abgelehnt wurde. Die
fortschrittlicher orientierten Regionen Spaniens wandten sich gegen die
Karlisten, ebenso Portugal, Großbritannien und Frankreich, die den Cristinos
Hilfe zusicherten. Nach langen Kämpfen erlitten die Haupttruppen der
Karlisten 1839 eine entscheidende Niederlage. Der endgültige Sieg konnte nur
langsam errungen werden, da der anhaltende politische Konflikt auch die Gegner
der Karlisten geschwächt hatte. Volksunruhen zwangen Maria Christina 1837,
eine liberalere Verfassung als die Charta von 1834 zu garantieren. Ihr Hof war
von Intrigen zerrüttet, und sie versuchte, die politischen Kräfte zu ihrem
eigenen Vorteil zu lenken. 1840 trat Maria Christina nach einer gemeinsamen
militärisch-bürgerlichen Revolte von der Regentschaft zurück und verließ
Spanien. 1843 wurde Isabella für mündig erklärt.
Uneinigkeit und Krise
Die Regentschaft Isabellas war von ständigen
Machtkämpfen zwischen den progressiven und den konservativen Kräften
gekennzeichnet. Als Günstlinge des Hofes regierten zwischen 1843 bis 1866
meist die Konservativen das Land. Isabellas absolutistische Tendenzen sowie
ihre Inkompetenz führten zu einer Verbündung aller Hauptparteien. Die Folge
war die „Glorreiche Revolution" von September 1868, die mit dem Sturz
Isabellas endete.
Die Revolution, die ihren Höhepunkt in
der demokratischen Verfassung von 1869 fand, wurde jedoch bald wieder von
Konflikten überschattet. Kuba erhob sich gegen die spanische Vorherrschaft (siehe
Zehnjähriger Krieg). Mehrere ausländische Prinzen verweigerten die Annahme
der spanischen Krone. Amadeus, Sohn König Victor Emmanuels II. von
Italien, akzeptierte das Angebot im Dezember 1870. Die Karlistenbewegung lebte
wieder auf, und auch eine radikale föderalistische Republikanerbewegung
konnte Fuß fassen. Der König stand unter dem Druck der Armee und sah sich
politischen Intrigen, sozialen Konflikten und der feindseligen Haltung des
Volkes gegenüber. Ein erneuter Karlistenkrieg und der kubanische Aufstand
veranlassten Amadeus im Februar 1873 zur Abdankung. In Ermangelung möglicher
Alternativen rief das Parlament in Spanien die Erste Republik aus. Es folgte
eine Periode der politischen Anarchie. Die Republikaner waren in der
Minderheit und untereinander tief gespalten. Die Radikaleren unter ihnen
versuchten, ihr Programm einer extremen Dezentralisierung mit Gewalt
durchzusetzen. Durch die Intervention der Armee konnte diese instabile Balance
bis Dezember 1874 aufrechterhalten werden. Dann putschte eine Gruppe von
Generälen gegen die Republik und setzte die Bourbonenmonarchie wieder ein.
Als König bestieg Alfons XII., Isabellas Sohn, den Thron.
Restauration der Monarchie
Die Regierung war fest entschlossen, die
Fehler der vorangegangenen Jahre nicht zu wiederholen. Die neue Verfassung von
1876 war flexibler ausgelegt als frühere Dokumente. Konservative und liberale
Parteien wechselten sich im Amt ab, und sowohl der Hof als auch die Armee
durften nicht mehr in die Politik eingreifen. Unter diesen neuen Bedingungen
gelang es recht schnell, die Aufstände der Karlisten (1876) und der Kubaner
(1878) niederzuwerfen. Zwei Jahrzehnte lang genoss Spanien die größte
politische Stabilität und den höchsten wirtschaftlichen Wohlstand seit dem
18. Jahrhundert. 1895 brachen in Kuba erneut Unruhen aus, diesmal in weit
größerem Ausmaß als die Aufstände von 1868 bis 1878. Die Rebellen
erhielten Unterstützung von den Vereinigten Staaten von Amerika. 1898 brach
in Folge dieser Auseinandersetzungen der Spanisch-Amerikanische Krieg aus.
Vernichtend geschlagen zog sich Spanien aus Kuba zurück und musste auch
Puerto Rico, Guam und die philippinischen Inseln an die Vereinigten Staaten
abtreten.
Nach dieser Niederlage wurden auch die
Anti-Dynastie-Bewegungen wieder lauter. Die republikanischen Parteien wurden
erneut ins Leben gerufen, und unter den Landarbeitern Andalusiens und den
Industriearbeitern Barcelonas konnte eine starke anarchistische Bewegung an
Einfluss gewinnen. In den Fabriken und Minen der baskischen Regionen und
Asturiens nahm eine kleine, aber solide fundierte sozialistische Bewegung ihre
Arbeit auf, und regionalistische Gesinnungen wuchsen zu Forderungen nach
Autonomie. Auch innerhalb der Regierungsparteien kam es zu Konflikten. Als der
Konservative Antonio Maura 1907 sein Amt antrat, entfernte er sich durch seine
herrschsüchtige Politik weitgehend von den Liberalen. 1909 bemühte Maura
sich um die Wiederaufnahme der militärischen Operationen Spaniens gegen
Marokko, für die er Arbeiter aus Barcelona, der unbeständigsten Stadt
Spaniens, rekrutierte. Es entflammte eine blutige Rebellion, die Mauras
Karriere zerstörte und den Klassenantagonismus vertiefte. Maura wurde durch
eine liberale Regierung unter José Canalejas y Méndez ersetzt, aber als
dieser im November 1912 ermordet wurde, brach man auch seine Reformprogramme
ab.
1. Weltkrieg
Ungeachtet des Druckes von außen, in den
1. Weltkrieg einzugreifen, blieb Spanien neutral. Das Land erlebte einen
wirtschaftlichen Aufschwung. Die verschiedenen Industriezweige, Minen und
landwirtschaftlichen Betriebe verkauften noch nie erreichte Mengen ihrer
Produkte zu Rekordpreisen ins Ausland. Zur gleichen Zeit nahm die Inflation
zu, und die Arbeiter verstärkten ihre Forderungen nach höheren Löhnen und
besseren Arbeitsbedingungen. Die Armee klagte über ungerechte Entlohnung und
andere Missstände. Militärjuntas wurden gebildet, um den Forderungen
gegenüber dem Staat mehr Nachdruck zu verleihen. In Katalonien agitierten
Regionalpatrioten gegen die Fremdherrschaft. Auch die republikanischen
Parteien gewannen in allen Gebieten Spaniens an Einfluss. Anfang 1917 entstand
eine Krisensituation, für die mehrere dieser Bewegungen verantwortlich waren.
In Barcelona und anderen Städten fanden Demonstrationen statt, die in den
städtischen Terrorismus der Anarchosyndikalisten (siehe Syndikalismus)
ausarteten. Nach 1919 weitete sich die Krise zu einem Unabhängigkeitskampf im
spanisch besetzten Sektor von Marokko aus. Der marokkanische Krieg verschlang
immense Summen. Auf besondere Ablehnung stieß er, als die Rebellen den
spanischen Truppen im Juli 1921 bei Anual eine vernichtende Niederlage
beibrachten.
Primo de Riveras Diktatur
Im September 1923 führte General Miguel
Primo de Rivera einen Militärputsch, der die weit verbreitete Enttäuschung
über die parlamentarische Regierung zum Ausdruck brachte. Statt sich zu
widersetzen, akzeptierte König Alfons XIII. den Putsch und ernannte
Primo de Rivera zum Regierungsoberhaupt. Die Cortes wurden aufgelöst, und ein
Militärdirektorium übernahm die Regierungsgeschäfte. Obwohl es nur wenige
Verhaftungen und selten den Einsatz von Polizei- oder Armeegewalt gab, wurden
die politischen Parteien verboten, und Katalonien wurden die wenigen
Privilegien einer eigenen Verwaltung, die es bisher durchgesetzt hatte, wieder
aberkannt. Die sozialistischen Gewerkschaften setzten jedoch ihre Tätigkeit
fort. Primo de Rivera bestand darauf, dass seine Diktatur nur eine zeitweilige
Maßnahme sei. Eine seiner wichtigsten Errungenschaften war die Beendigung des
kostenintensiven Marokkokrieges, die er 1926 mit französischer Hilfe
erreichte. Das Hauptanliegen der neuen Zivilregierung, die er ernannte, war
die wirtschaftliche Entwicklung. Ein ausgedehntes Netzwerk an Straßen wurde
angelegt, und man begann mit dem Bau der großen Bewässerungsanlagen. Von
1928 bis 1929 verstärkte sich die Opposition gegen seine Regierung, zum Teil
aufgrund seiner ausgefallenen Fiskalpolitik. Im Januar 1930 akzeptierte Alfons
den Rücktritt Primo de Riveras. Aber die Lasten, die die Diktatur nach sich
zog, hatten die Krone geschwächt. Auch die konservativen Politiker entzogen
der Monarchie zu dieser Zeit ihre Unterstützung. Alfons hatte sie durch die
Anerkennung der diktatorischen Herrschaft verraten. Die sozialistischen,
anarchosyndikalistischen und die katalanischen regionalpatriotischen
Bewegungen begannen mit den Republikanern zu kooperieren, ebenso wie
zahlreiche ehemalige Monarchisten und Armeeoffiziere. Die Versuche, die
Monarchie im Dezember 1930 mit Gewalt zu stürzen, schlugen fehl. Aber bei den
Landeswahlen im April 1931 erreichten die republikanischen Kandidaten in den
Stadtgebieten eine derartige überwältigende Mehrheit, dass Alfons daraufhin
Spanien verließ. Die Zweite Spanische Republik wurde mit Niceto Alcalá
Zamora y Torres als Präsident ausgerufen.
Zweite Spanische Republik
Die neue Republik fand eine breitere
Unterstützung als ihre Vorgängerin von 1873 bis 1874. Allerdings hofften
einige ihrer frühen Anhänger darauf, dass sie eine konservative Richtung
einschlagen werde, während andere wiederum revolutionäre Veränderungen
erwarteten. Unglücklicherweise entstand die Republik zu einer Zeit, die nicht
nur von einer tiefen weltweiten wirtschaftlichen Depression gekennzeichnet
war, sondern auch von tief greifenden ideologischen Konflikten, die ganz
Europa ergriffen. Zuerst wurde eine Koalition von republikanischen Parteien
des linken Flügels und der Sozialisten unter Manuel Azaña gegründet, die
der Republik eine progressive Nuance verlieh. Die Fälschung von Wahlen und
andere korrupte Praktiken der Monarchie wurden abgeschafft, Frauen erhielten
das Wahlrecht, Katalonien wurde die Autonomie garantiert, und das Prinzip der
Eigenverwaltung wurde auch auf die baskischen Provinzen ausgedehnt.
Grundlegende Sozialreformen wurden durchgeführt und die Besteuerung nach
neuen, gerechteren Prinzipien geregelt. 1932 begann man im Rahmen einer
Agrarreform mit der Aufteilung des großen Grundbesitzes im Süden Spaniens an
die Bauernschaft. Ein umfangreiches Programm zur Bewässerung und anderen
öffentlichen Arbeiten wurde in Angriff genommen. Das Bildungswesen wurde der
Obhut des Staates anvertraut, der Jesuitenorden aufgelöst und die Trennung
von Kirche und Staat verfügt. Dieses ehrgeizige Programm war nur unter
großen Schwierigkeiten in die Tat umzusetzen. Im Laufe der Zeit verbündeten
sich viele der Gruppen, die anfänglich die Republik akzeptiert hatten.
Azañas Koalition begann 1933 zu zerfallen. Die Gemäßigten empfanden das
Tempo der Sozialreformen als zu rapide. Die Sozialisten vertraten die Meinung,
die Reformen würden nicht entschlossen genug durchgeführt. Auch die
Opposition der römischen Katholiken, die den republikanischen
Antiklerikalismus ablehnten, verschärfte sich. Und unter den Radikalen wurden
die Forderungen nach einer sofortigen sozialen Revolution laut.
In den Wahlen vom November 1933 gewannen
die Parteien des rechten Flügels sowie die Zentrum-Mitte-Parteien die
Mehrheit. Das Ergebnis war eine erneute Orientierung der Macht am rechten
Flügel, die antiklerikalen Maßnahmen wurden abgeschwächt und die
Agrarreform sowie andere soziale Gesetze teilweise wieder rückgängig
gemacht. Die linksgerichteten Kräfte reagierten auf die Änderungen mit
entschiedener Heftigkeit. Die Spannungen entluden sich im Oktober 1934, als
unter der Führung der Sozialisten ein Aufstand der Arbeiter in Asturien
begann. Katalonien proklamierte seine Unabhängigkeit von Madrid. Nach zwei
Wochen verheerender Kämpfe wurde der Aufstand in Asturien niedergeschlagen.
In der Folgezeit erlebte die Politik einen weiteren Rechtsruck, der allerdings
nur negative Auswirkungen hatte. Ende 1935 spaltete sich die regierende
Koalition.
Bei den Wahlen im Februar 1936 errang
eine neue, linksgerichtete Koalition, die Volksfront, einen knappen Sieg.
Diese Koalition, die ebenfalls unter der Leitung von Azaña stand, war weniger
gemäßigt als die vorhergehende. Dies war einerseits darauf zurückzuführen,
dass die Sozialisten eine radikalere Richtung eingeschlagen hatten, und
andererseits gehörten auch die Kommunisten zu dieser Regierung. Die
linksgerichteten Reformen in der Gesetzgebung wurden wieder aufgenommen und
von Azaña mit großem Nachdruck durchgesetzt. Die Spannungen gipfelten in
Straßenschlachten zwischen rivalisierenden Gruppen, die sich immer weiter
ausbreiteten, die Bauern nahmen die Landgüter in Besitz, und Spanien wurde
von einer Streikwelle überflutet. General Emilio Mola plante eine
Verschwörung zum Sturz der Regierung, die bis Anfang Juli schon die
Unterstützung von Tausenden von Armeeoffizieren fand.
Bürgerkrieg
Am 18. Juli 1936 begann die Revolte der
Militärs gegen die Regierung, die allerdings schon bald in Madrid, Barcelona,
Valencia und verschiedenen anderen Städten im Osten und Norden
niedergeschlagen wurde. Das Land spaltete sich in zwei Zonen. In der einen,
der nationalistischen, zu der im Allgemeinen die ländlichen Gebiete
gehörten, fanden die Rebellen Unterschlupf. Die andere umfasste eher die
städtischen, industriell geprägten Zentren. Dies war die republikanische
bzw. die so genannte Loyalistenzone. Die ständige Verschärfung der
Gegensätze löste letztendlich einen langen Bürgerkrieg aus. Anfänglich
konnten die Rebellenarmeen erfolgreich vordringen und erreichten im November
die Vorstadtbezirke von Madrid. Die Regierung floh in der Annahme, dass die
Hauptstadt den Rebellen in die Hände fallen werde, nach Valencia. In langen,
heldenhaften Kämpfen konnte Madrid gehalten werden, was es den Loyalisten
ermöglichte, den Kampf von hier aus fortzuführen.
Beide Seiten erhielten schon bald
Unterstützung aus dem Ausland. Das faschistische Italien und das
nationalsozialistische Deutschland unterstützten die Nationalisten mit
Truppen, Waffen und Flugzeugen. Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
(UdSSR) versorgte die Loyalisten mit militärischer Ausrüstung und Beratern.
Auf dieser Seite griffen auch die Internationalen Brigaden ein, eine
Kampftruppe, die sich aus idealistischen Freiwilligen aus Europa und Amerika
zusammensetzte. Großbritannien und Frankreich blieben neutral.
Die Nationalisten standen in
geschlossener Einheit hinter ihren Zielen und fanden in General Francisco
Franco einen starken Führer. Die Front der Loyalisten war gespaltener. Zu
ihren Truppen gehörten gemäßigte und extreme Sozialisten, katalanische und
baskische Regionalpatrioten sowie Kommunisten, die aufgrund ihrer
organisatorischen Fähigkeiten und der sowjetischen Hilfe ihre Macht schnell
ausweiten konnten. Die Republikaner standen die meiste Zeit des Krieges unter
der Führung von Juan Negrin, einem gemäßigten Sozialisten.
Nach ihrem Versagen vor Madrid begannen
die Nationalisten von April bis Oktober 1937 mit der Eroberung des
Baskenlandes, Asturiens und anderer Industrieregionen im Norden Spaniens, eine
Kampagne, die sich als äußerst schwierig erwies. Diese Kampfhandlungen
beinhalteten auch die berüchtigte Bombardierung von Guernica durch die
Deutschen. Die Loyalisten begannen im Dezember bei Teruel mit der
Gegenoffensive. Zu Beginn erfolgreich, wurde diese jedoch bis Februar 1938
zurückgeschlagen. Danach begannen die Nationalisten mit dem Vormarsch und
erreichten bis Mitte April das Mittelmeer, wodurch das Gebiet der Republikaner
in zwei Teile gespalten wurde. Die Loyalisten attackierten Francos Armeen vom
Ufer des Ebro aus und konnten den Vormarsch der Rebellen auf Valencia für
einige Monate stoppen. Ihre Truppenverbände waren durch die vielen Schlachten
jedoch derart geschwächt, dass sie nicht in der Lage waren, die Erfolge zu
ihrem eigenen Vorteil zu nutzen. Auch mussten sie nach dem Münchner Abkommen
jegliche Hoffnung auf eine Unterstützung seitens der Briten oder der
Franzosen aufgeben. Als die Rebellen ihre Offensive im Dezember wieder
aufnahmen, zogen sich die Loyalisten Richtung Barcelona zurück. Die Stadt
fiel am 26. Januar 1939. Gespalten und vollkommen erschöpft waren sie
nicht mehr in der Lage, ihren Widerstand fortzusetzen. Madrid wurde am
28. März von den Rebellen eingenommen, und am 1. April wurde der
Bürgerkrieg für beendet erklärt.
Das Franco-Regime
Dem verheerenden Krieg folgte ein von
ungewöhnlichen Rachegefühlen getragener Frieden. Franco unternahm keinerlei
Versuche der nationalen Wiederversöhnung. Die Loyalisten wurden als die „Roten"
betrachtet, die eine „antispanische" Gesinnung vertraten.
Hunderttausende wurden inhaftiert, und in den ersten vier Jahren nach dem
Krieg wurden etwa 37 000 von ihnen hingerichtet. Das spanische Volk hatte
unter den Kriegsverwüstungen und der wirtschaftlichen Misere schwer zu
leiden. Die meisten der unter der republikanischen Regierung entstandenen
Gesetze zugunsten der Arbeiter und Bauern wurden sofort widerrufen. Die
bedeutendsten politischen Kräfte dieser Periode wurden durch die Armee, die
Kirche (die während des Krieges enge Beziehungen zu Franco aufgebaut hatte)
und die Falange verkörpert. Diese kleine spanische faschistische Partei
wandelte Franco 1937 in eine offizielle Staatspartei um. Zwischen den
Militärs und der Falange kam es häufig zu Auseinandersetzungen, und zu
Beginn des 2. Weltkrieges, als das nationalsozialistische Deutschland
noch unbesiegbar erschien, versuchte die Falange ihre ideologische
Gleichgesinnung mit den Achsenmächten zu nutzen, um sich die Position der
dominanten politischen Macht im Lande zu sichern. Bis 1942 war es Franco
jedoch gelungen, die vollständige Kontrolle sowohl über die Armee als auch
über die Falange zu erlangen. Seine unbeugsamen Führungsmethoden waren auch
in den auswärtigen Angelegenheiten allgegenwärtig. Obwohl er mit den
Achsenmächten sympathisierte und ihnen aufgrund der Unterstützung während
des Bürgerkrieges verpflichtet war, widersetzte er sich auch dem Druck
seitens des deutschen Reichskanzlers Adolf Hitler und griff nicht in den
Weltkrieg ein.
Mit den zunehmenden Erfolgen der
Alliierten begann auch Franco als vorsichtiger, pragmatischer Herrscher seine
Politik allmählich zu ändern. Die Inhaftierungen wurden reduziert, und nach
1943 gab es keine Hinrichtungen mehr. Die Bedeutung der Falange verminderte
sich, und die faschistischen Symbole, derer sich die Regierung bedient hatte,
verschwanden. 1947 wurde in Spanien die Monarchie wieder eingeführt, obwohl
kein König den Thron besteigen konnte, es sei denn, Franco starb, würde für
unfähig erklärt werden oder aus einem anderen Grund seinen bedeutenden
Einfluss verlieren. Doch ungeachtet seiner Reformmaßnahmen bekam Franco in
den Jahren nach dem Krieg den Zorn der Alliierten zu spüren. Von 1946 bis
1950 ächteten die Vereinten Nationen (UN) sein Regime. Viele Länder brachen
die diplomatischen und andere Beziehungen mit Spanien ab. Im Norden Spaniens
kam es unter Mitwirkung Frankreichs erneut zu einem Guerillakrieg. Durch eine
schwere Dürreperiode verschlimmerten sich die wirtschaftliche Misere und die
Hungersnöte noch weiter, die in Spanien seit 1939 immer wieder ausbrachen.
Die neue Entwicklungsphase Spaniens
Mit Ausbruch des Koreakrieges im Juni 1950
begann man Franco als einen bedeutenden Verbündeten gegen den Kommunismus zu
betrachten. Im November wurde der UN-Boykott aufgehoben, US-amerikanische
Banken sicherten Spanien Anleihen zu und der Vatikan erkannte die Legitimität
des Regimes in aller Öffentlichkeit an. Im September 1953 erhielt Spanien von
den Vereinigten Staaten umfangreiche militärische und wirtschaftliche Hilfe.
Im Gegenzug verpachtete Spanien eine Anzahl von Luft- und Marinestützpunkten
an die USA. Im Dezember 1955 wurde Spanien schließlich in die UN aufgenommen.
Die Ursprünge des Franco-Regimes waren noch nicht vergessen worden. Und so
verhielten sich viele der europäischen Länder weiterhin ablehnend. Auch
wurde Spanien die Mitgliedschaft im Nordatlantikpakt (NATO) verwehrt. Die
offenen Feindseligkeiten legten sich jedoch, und Spanien durfte in der
internationalen Arena wieder mitwirken.
Auch im eigenen Land war das Regime
bemüht, wieder normale Zustände herzustellen. 1952 hatte die
landwirtschaftliche und industrielle Produktion wieder ihren Stand von der
Vorkriegszeit erreicht. Die Krise von 1955 bis 1956, in der es zu
Studentenunruhen und Streikbewegungen der Arbeiter kam, hatte eine weitere
Einschränkung der Macht der Falangisten zur Folge. Im Februar 1957 fand eine
umfangreiche Umstrukturierung des Kabinetts statt, im Zuge derer sich die
Repräsentanz von Arbeitgebern und -nehmern erhöhte. Zeitgleich mit dem
Versuch Spaniens, wieder in der Weltwirtschaft Fuß zu fassen, wurden die
unzähligen restriktiven staatlichen Kontrollen in der Geschäftswelt
abgeschafft. Die Beziehungen auf dem Arbeitsmarkt entspannten sich. Nach den
Streiks der Bergarbeiter im März 1958 garantierte das Regime den Arbeitern
das Recht, in Bezug auf Löhne und Arbeitsbedingungen direkte Verhandlungen
mit den Arbeitgebern aufzunehmen. Ende der fünfziger Jahre ließen die
großen Bewässerungsprojekte, die man in früheren Jahren begonnen hatte und
die unter Franco weiter ausgebaut worden waren, erste Erfolge erkennen. Der
Möglichkeit, diese positiven Entwicklungstrends im Inland durch die
Entkolonialisierungskämpfe im Ausland zu gefährden, kam das Regime zuvor,
indem es selbst auf seinen Kolonialbesitz in Spanisch-Marokko 1958
verzichtete. Das Jahrzehnt fand 1959 mit der Verkündung des
Stabilisierungsplanes seinen Höhepunkt. Verschiedene Sparmaßnahmen brachten
sowohl die Arbeiter als auch andere Bevölkerungsschichten in Bedrängnis,
trugen allerdings erfolgreich dazu bei, die spanische Wirtschaft unter
Kontrolle zu bekommen.
Das Wirtschaftswunder
Ab 1961 fanden noch nie dagewesene
sozialökonomische Veränderungen statt. Die Wirtschaft boomte aufgrund des
rapiden industriellen Wachstums. Durch die Zunahme des Tourismus und
ausländische Investitionen flossen finanzielle Mittel nach Spanien. Hinzu
kamen Gelder, welche die spanischen Gastarbeiter im Ausland nach Hause
schickten. Durch den zunehmenden Mangel an Arbeitskräften schnellten die
Löhne in die Höhe, inoffizielle Gewerkschaften formierten sich, und die
Landwirtschaft wurde mechanisiert, um die höheren Lohnkosten auszugleichen.
Der größere Wohlstand der Arbeiter brachte wiederum tief greifende soziale
Veränderungen mit sich. Es setzte eine umfangreiche Migration von den
ländlichen in die städtischen Gebiete ein. Die Zahl der Absolventen von
höheren Schulen und Universitäten stieg rasch an. Im Verhältnis zur
rasanten Änderung der zeitgenössischen Lebensart wandten sich die Menschen
in zunehmendem Maße den intellektuellen, weltlicheren Gütern zu. Das nach
1957 im Wesentlichen pragmatisch und technologisch orientierte Franco-Regime
schuf die Rahmenbedingungen, innerhalb derer dieses Wachstum ermöglicht
wurde. Das umfangreiche Wohnungsbauprogramm, das von der Regierung gefördert
wurde, fing die immensen sozialen Kosten auf, die den Übergang Spaniens von
einer ländlichen in eine städtische Gesellschaft begleiteten.
Obwohl diese sozialökonomischen
Veränderungen mit einer gewissen politischen Liberalisierung einhergingen,
übte die Diktatur auch weiterhin ihre Macht mit dem Mittel der Unterdrückung
aus. 1962 rief Franco als Antwort auf die Streiks in Asturien und ein Treffen
oppositioneller Kräfte in München das Kriegsrecht aus. 1970 drohten neue
Repressionen, als mehrere Mitglieder einer neuen baskischen
Separatistenorganisation, der Euzkadi ta Azkatasuna (Baskisches
Heimatland und Freiheit, ETA), in Prozessen, die in Burgos stattfanden, zum
Tod verurteilt wurden. Teilweise durch den internationalen Druck gab die
Regierung in dieser Krise klein bei. Schon bald wurde das Kriegsrecht wieder
aufgehoben und die Todesurteile für die Mitglieder der ETA in mildere Strafen
umgewandelt. Die Liberalisierung kam auch in einer Reihe von grundlegenden
Gesetzen zum Ausdruck, die zwischen 1966 und 1969 verabschiedet wurden. Eines
dieser Gesetze erhöhte die Pressefreiheit, ein anderes gestaltete die Cortes
repräsentativer und verstärkte deren Macht und in einem dritten wurde der
offizielle Status Spaniens als Monarchie anerkannt. In diesem Gesetz wurde
Juan Carlos, der Enkelsohn von Alfons XIII., als Nachfolger Francos nach
dessem Tod bestimmt. Die allmähliche Liberalisierung machte sich auch im
Ausland bemerkbar; die westafrikanische Kolonie Spanisch-Guinea erhielt als
Äquatorialguinea 1968 ihre Unabhängigkeit. Sieben Jahre später erklärte
die Regierung sich einverstanden, auch Spanisch-Sahara an Marokko und
Mauretanien abzutreten.
Die letzten Jahre des Franco-Regimes
Trotz der Liberalisierung und des zunehmenden
Wohlstandes fanden die sozialen und politischen Unruhen kein Ende. Obwohl sie
weiterhin für illegal erklärt wurden, fanden vom Ende der sechziger bis
Anfang der siebziger Jahre in Spanien zahlreiche Streiks statt. Studenten
protestierten gegen überfüllte Lehranstalten und die Kontrolle seitens der
Regierung. Erneut wurden die katalanischen Regionalpatrioten politisch aktiv.
Der mit Abstand bedeutendste Konflikt entwickelte sich im Baskenland, wo die
ETA damit begann, Terroristenanschläge auf die Polizei und die Armee zu
verüben. Die Regierung antwortete mit wahllosen Repressionen und von 1969 bis
1975 wurden die baskischen Provinzen von dem entsetzlichen Teufelskreis von
Gewalt und Gegengewalt ergriffen. Diese Entwicklung stand in scharfem Kontrast
zum übrigen Spanien, wo es zwischen Regierung und Opposition relativ selten
zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam. 1973, als Premierminister Luis
Carrero Blanco von der ETA ermordet wurde, war das Regime schwer erschüttert.
Doch die Reaktion war diesmal keine erneute Verstärkung der Repressionen.
Vielmehr setzte der neue Premierminister Carlos Arias Navarro weitere
Liberalisierungsmaßnahmen durch, darunter auch Pläne für die Bildung
politischer Vereinigungen, die seit 1939 verboten waren. Diese Entwicklung
löste bei den extremen Falangisten, die um die Rückkehr zur unnachgiebigen
Diktatur bemüht waren, Revolten aus. Für eine kurze Zeit schien es, als
seien sie erfolgreich. Die Reformversuche von Arias wurden sabotiert, und es
wurde ein Gesetz verabschiedet, das für Terroristen, die Polizisten getötet
hatten, die Todesstrafe forderte. Im September 1975 wurden fünf dieser
Terroristen hingerichtet. Die Gefahr einer eventuell weiteren Bewegung nach
rechts in der Politik wurde am 20. November 1975 mit dem Tod Francos
gebannt.
Die Wiederherstellung der Demokratie
Auf Francos Tod und die Thronbesteigung
durch König Juan Carlos I. folgten mehrere Monate politischer
Mehrdeutigkeit. Der neue König bemühte sich um die volle Demokratisierung,
aber viele der mächtigen Interessengemeinschaften arbeiteten gegen diese
Veränderungen. Andererseits erschienen die Reformmaßnahmen, die unter der
Diktatur als gewagt galten, vielen Menschen nun als unzulänglich. Im Juli
1976 gelang es, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, als Navarro auf Ersuchen
von Juan Carlos zurücktrat. Dieser ernannte Adolfo Suárez González zum
neuen Premierminister. Als gemäßigter Falangist wurde Suárez zum
bedeutendsten Architekten der Übergangsperiode Spaniens zur Demokratie.
Suárez überzeugte die Cortes davon, die restriktive Gesetzgebung Francos zu
annullieren und das politische Reformgesetz anzuerkennen, das im Dezember 1976
durch ein Referendum angenommen wurde. Trotz scharfer Proteste seitens der
Armee legalisierte er im April 1977 die Kommunistische Partei. Im Juni
bestärkten ihn die Ergebnisse der ersten demokratischen Wahlen nach vier
Jahrzehnten in seiner Politik der Mitte. Er gründete eine neue Partei, die
Union des Demokratischen Zentrums (UDC), und gewann 34 Prozent der
Stimmen. Knapp hinter ihm lagen die Sozialisten. Die Extremisten, sowohl die
rechten als auch die linken, konnten kaum Stimmen für sich gewinnen.
1978 verabschiedeten die Cortes eine
neue demokratische Verfassung, welche die Grundlagen für eine
konstitutionelle Monarchie, für die Freiheit politischer Parteien und für
die Autonomie der spanischen Nationalitäten und Regionen enthielt. Diese
Verfassung wurde in fast allen Bereichen der Gesellschaft mit Enthusiasmus
begrüßt. Nur die baskischen Provinzen kämpften noch immer gegen ihre
Bindung an Spanien und unterstützten die ETA, die ihre terroristischen
Aktivitäten verschärfte. Zwischenzeitlich forderten die Katalanen mehr
Rechte in Bezug auf ihre eigenen regionalen Angelegenheiten und ihre Sprache.
In und um Barcelona herum nahmen der Gebrauch des Katalanischen sowie die
nationalistischen Bräuche zu. Die Galicier distanzierten sich geschlossen von
Madrid, obwohl die ethnoregionalistischen Tendenzen in Galicien wesentlich
schwächer ausgeprägt sind als in Katalonien oder im Baskenland. Suárez
regierte mit allseitiger Zustimmung und zog bei der Formulierung seiner
Basispolitik nichtextremistische Parteien zu Rate. Katalonien und dem
Baskenland wurde der Autonomiestatus zuerkannt, und ihre Sprachen wurden als
offizielle Amtssprachen zugelassen. Die gleichen Privilegien garantierte die
Verfassung 15 weiteren Regionen. So wurde das Streben nach politischer
Zentralisation, das Ferdinand und Isabella 500 Jahre zuvor begonnen
hatten, umgekehrt und ein „Spanien der autonomen Gemeinschaften"
geschaffen.
Die Politik von Suárez, der gerade in
Krisensituationen brillante Erfolge vorzuweisen hatte, ließ im Alltag nur
mäßige Effektivität erkennen. 1979 kam es nach den Wahlen erneut zu
Unruhen. Die rechtesten Fraktionen der UDC, die bis jetzt unterdrückt worden
waren, wurden wieder aktiv. Seine Politik der Übereinstimmung mit anderen
Parteien brach zusammen. Hinzu kam eine extreme Verschlechterung der
wirtschaftlichen Situation. Im Januar 1981 trat Suárez zurück. Sein
Nachfolger wurde der Vizepremierminister Leopoldo Calvo Sotelo. Der gärende
Groll in den Kreisen der Militärs verschärfte sich zu einer drohenden
Verschwörung. Am 23. Februar 1981 stürmten bewaffnete Zivilgarden die
Cortes und versuchten, die Macht zu übernehmen. König Juan Carlos konnte den
Putsch gerade noch verhindern, indem er die Militäreinheiten davon
überzeugte, der Regierung gegenüber loyal zu bleiben. Calvo Sotelo bildete
einen neuen Ministerrat und beschäftigte sich während seiner Amtszeit mit
zahlreichen schwierigen Problemfragen, darunter auch der Entscheidung
bezüglich der Aufnahme Spaniens in die NATO 1982. Die ständigen
Auseinandersetzungen innerhalb der Streitkräfte, die politischen Dispute und
die anhaltende prekäre wirtschaftliche Situation ließen die politische Lage
in Spanien für viele Monate instabil bleiben.
Kurz vor den Wahlen im Oktober 1982
wurde ein Komplott zu einem Militärputsch der Extremisten des rechten
Flügels aufgedeckt. Vier der Militärführer wurden verhaftet und drei zu
Gefängnisstrafen verurteilt. Bei den Wahlen errang die Sozialistische
Arbeiterpartei unter der Führung von Felipe González Márquez einen
entscheidenden Wahlsieg. Von November 1984 bis Ende 1985 kam es zu einer Welle
von Protesten und Demonstrationen gegen die Bildungsreform, die von der
Regierung umstrukturierte Politik, die Mitgliedschaft in der NATO, gegen
Arbeitslosigkeit und gegen die Reformen auf dem Gebiet der sozialen
Sicherheit. 1986 wurde ein entscheidendes Referendum abgehalten, aufgrund
dessen Spanien weiterhin Mitglied der NATO blieb. Die Kombination von
sozialistischer Politik, die die Markttätigkeit begünstigte, der
Wiedererlangung von wirtschaftlicher Bedeutung auf dem Weltmarkt sowie
Spaniens Eintritt in die Europäische Gemeinschaft 1986 hatte eine umfassende
wirtschaftliche Wiederbelebung zur Folge. Außerdem vermittelte die zunehmende
dynamische Rolle, die Spanien innerhalb von europäischen Angelegenheiten
zukam, sowie der hohe Entwicklungsstand in vielen Bereichen seiner Kultur den
Spaniern ein größeres Selbstvertrauen als sie es seit dem
18. Jahrhundert jemals gehabt hatten.
1988 erneuerten Spanien und die
Vereinigten Staaten ihr bilaterales Verteidigungsabkommen, das den Vereinigten
Staaten die Nutzung von Stützpunkten in Spanien für weitere acht Jahre
zugestand. Das Problem der Souveränität des unter britischer Kontrolle
stehenden Territoriums von Gibraltar blieb zwischen Großbritannien und
Spanien auch weiterhin eine ungelöste Frage. Die allmähliche Lockerung der
Vorschriften im wirtschaftlichen Bereich, mit der man 1975 begonnen hatte,
wurde bis in die neunziger Jahre fortgeführt. Die Monopolrechte vieler
staatseigener Firmen wurden aufgehoben, die straffe Gesetzgebung bezüglich
der Gewerkschaften wurde gelockert und die Einschränkungen zur Gründung
neuer Firmen ließen nach.
Obwohl die Sozialistische Arbeiterpartei
und González in den Wahlen von 1986 und 1989 in ihrem Amt bestätigt wurden,
entwickelten sich die Industriearbeiter aufgrund der hohen Inflationsrate und
der Arbeitslosigkeit zur unzufriedensten Gruppe innerhalb der Gesellschaft.
Seit 1990 sind mehrere Korruptionsskandale aufgedeckt worden, in die
Regierungsbeamte verwickelt waren. 1992 verbesserte sich die Stimmung im
spanischen Volk, als in Barcelona die Olympischen Spiele stattfanden und in
Sevilla anlässlich des 500. Jahrestages der ersten Reise von Kolumbus
nach Amerika hier die Weltausstellung abgehalten wurde. Bei den Wahlen von
1993 blieb González auch weiterhin Premierminister und Oberhaupt einer
Koalitionsregierung. Dadurch, dass die Sozialisten allerdings nicht mehr über
die absolute Mehrheit verfügten, wurde González in eine politische Situation
gedrängt, die wesentlich leichter anzugreifen war.
Der Regionalismus stand auch weiterhin
im Brennpunkt des Interesses. Zwischen 1968 und 1993 kamen durch die
Terroranschläge der ETA mehr als 800 Menschen ums Leben. Bis Januar 1994
gelang es der ständig anwachsenden Friedensbewegung, die öffentliche Meinung
gegen die brutalen Gewaltakte der ETA zu lenken, und die Aussichten für
effektive Verhandlungen mit der Zentralregierung schienen viel versprechend.
Im Februar 1994 wandte sich Jordi Pujol, der Führer der wichtigsten
katalanischen Nationalpartei, mit Forderungen nach einer umfassenderen
katalanischen Selbstverwaltung an Premierminister González. Der Schwerpunkt
lag hierbei auf der Kontrolle der Transportbereiche und der Polizeikräfte.
Sowohl in Katalonien als auch in den baskischen Provinzen richtete sich die
Volksstimmung allerdings nur auf eine größere Autonomie und nicht auf die
völlige Unabhängigkeit von Spanien. Am 3. März 1996 fanden vorgezogene
Parlamentswahlen statt. Die konservative Volkspartei von José María Aznar
gewann die Wahlen klar, verfehlte aber die angestrebte absolute Mehrheit. Mit
den Stimmen der katalanischen Regionalpartei wurde Aznar am 4. Mai zum
Ministerpräsidenten gewählt und löste damit die seit über 13 Jahren
regierende PSOE unter Felipe González ab.
In den vergangenen Jahren widmete man
sich mit zunehmender Aufmerksamkeit den wachsenden Umweltproblemen Spaniens.
In Madrid und entlang der nordöstlichen Küste (Costa Brava, Costa Blanca)
hat das Land mit einer erhöhten Luftverschmutzung zu kämpfen. In den
landwirtschaftlich genutzten Regionen sind Wasserverschmutzung und
Bodenerosion die vorherrschenden Probleme. Wiederholt kam es im Hinblick auf
die rasche Entwicklung und den Ausbau der Touristenzentren entlang der
Mittelmeerküste und der damit verbundenen Bedrohung der landschaftlichen
Attraktionen zu Kontroversen.
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