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Immer wieder stolpere ich über Formulierungen rund um Dominiks und meine
Geschichte der letzten Monate. Eine Geschichte, bei der es, so muss man wohl
annehmen, um Krankheit und um’s Sterben geht. Aber dem ist nicht so. Oder
wenigstens nicht nur! Wenn ich schreibe: „Dominik ist seit gut drei Monaten
tot“, so hört sich das in meinen Ohren total falsch an. Und wenn ich z.B.
schreibe: „während seiner Krankheitsgeschichte“ hört sich das noch viel falscher
an! Und was ist daran falsch? Dominik ist für mich nicht „tot“. Er lebt nach wie
vor, wenn auch in ganz anderer Form. Und er oder wir hatten keine
„Krankheitsgeschichte“. Der Zeitraum, wo wir wussten, dass der Krebs in ihm ist,
war reich an tiefen Erkenntnissen und starken Erfahrungen, geprägt von Hinhören
und Hinschauen. Natürlich war da auch manchmal ein Bangen, Hadern und Zweifeln,
immer wieder tiefe Traurigkeit und selten, sehr selten Zorn. Aber weit
bemerkenswerter war die grenzenlose und bedingungslose Liebe, auf die Dominik,
so scheint mir heute, zielbewusst hinsteuerte. Er empfand den Krebs nie als
Widersacher und die Geschichte, die aus dem Auftauchen dieses Prüfsteins oder
Schicksals entstand, ist keine Krankengeschichte, sondern eine Geschichte voller
Liebe, Leben, Hingabe, Wachstum, Loslassen, Lernen und Lehren.
Wie immer, wenn ich ganz bei mir bin, scheint Dominik ebenfalls anwesend zu
sein. Ich sitze draussen auf der Terrasse von Ruth, die Sonne hat einen leicht
rosa gefärbten Wolkenhimmel dem bald auftauchenden Mond überlassen. Es kehrt
langsam Ruhe in die Gassen und ich habe den ganzen Abend Zeit, diese Bilanz zu
schreiben. Ich denke, Dominik hilft mir dabei.
Ich habe all die Stationen der letzten Wochen zusammen getragen und
festgehalten. Im Bemühen, sie für die Bilanz zu verwerten bin ich kläglich
gescheitert. Diese Geschichte hat so viel Gehalt, dass es den Rahmen hier
sprengen würde. Ausserdem habe ich erkannt, dass ich für die Aufarbeitung des
ganzen Geschehens noch sehr viel mehr Zeit brauche. Einerseits. Andererseits
lebe ich auch sehr im Moment. Schon jetzt spüre ich, wie viel aus dieser Zeit
sich langsam setzt und bei mir einen eigenen Prozess in Gange hält. Aber wichtig
für mich sind die jetzigen Momente und nicht jene von damals. Hinzu kommt mein
Eindruck, alles Wichtige bereits im Abschiedsbrief, welchen ich auf Dominiks
Intimseite publiziert habe, gesagt zu haben. Es ist die Essenz aus dieser Zeit.
Schon öfters habe ich mich gefragt, warum mir dies alles widerfährt. Wieso
verliere ich meinen Vater und gleich anschliessend meinen Lebensgefährten.
Wieso? Was will mir das sagen? Ich habe gelernt, dass der Tod nicht ein Ende
bedeutet. Er verwandelt... Ich bin immer noch ich, auch wenn nicht mehr jene von
damals. Und Dominik ist immer noch da. Auch mein Vater. Dominiks Wesen, sein
„Licht“ leuchtet mir wenn nötig den Weg und ich weiss, ich habe noch viel zu
lernen. All die Menschen, die uns scheinbar verlassen, verlassen „nur“ diese
unsere bekannte Welt, um in einer anderen, uns unbekannten Welt weiter zu
existieren. Mir zeigt der Tod von Dominik, dass es noch viel mehr gibt, als wir
in unserer „begrenzten“ Welt manchmal annehmen. Begrenzt sind allerdings die
Möglichkeiten der materiellen Erfahrung. Nie mehr werde ich Dominiks Körper
spüren können, nie mehr werd ich ihn in die Arme nehmen können, nie mehr werde
ich sein Lachen hören und nie mehr werd ich ihn am Himmel fliegen sehen. Doch
alles, was er gleichzeitig jenseits von diesen materiellen Dingen war, ist immer
noch hier... Nun, ich weiss nicht viel. Ich bin auf der Spur, bin am Spüren und
Bewusst werden lassen. Lebensaufgaben sind Aufgaben für’s ganze Leben, oder?
Ende Juli reiste ich mit einer Freundin im Womo nach Dänemark. Ich musste
Abstand schaffen, zu mir finden. Während den vier Wochen, die wir unterwex
waren, hatte ich das permanente „verrückte“ Gefühl, in Dominik versetzt worden
zu sein! Ich fühlte mich wie er und meine Reisegefährtin spiegelte ständig mich
selbst während unserer früheren Reisezeit. Ich konnte auf einmal nachempfinden,
was Dominik damals empfand und wie seine innere Welt aussah. Es war, wie wenn
ich in seine Haut schlüpfen konnte und von tief innen nachempfinden konnte, wie
es sich anfühlte, wenn er zum Bespiel am Strand spazieren ging oder wie sein
Lebensgefühl war, auf der Suche nach sich selbst und der Liebe! Nach seinem Tod
hatte ich ja einige Zeit Mühe, den „alten“ Dominik, so wie er auf Reisen war,
und den „neuen“ Dominik, zu dem er sich in seinen letzten Wochen gewandelt hatte
zusammen zu bekommen. In Dänemark erlebte ich das Zusammenfliessen dieser zwei
Seiten Dominiks! Es war erschütternd, verblüffend und gleichzeitig auch heilsam.
Ich fühlte mich eine Zeitlang recht elend. Ich machte mir Vorwürfe, dass ich ihn
nicht als Ganzes erkannte hatte! Es gab früher einige Situationen, da hatte ich
den Eindruck, er würde sehr egoistisch handeln. Er schien nur an sich zu denken.
Und vielleicht war das teilweise auch so. Aber das Anliegen dahinter, nämlich
sich selbst zu spüren, erkannte ich nicht als solches. Ja, auch wenn ich mich
sehr von ihm angezogen fühlte und er viele feine und sensible Seiten hatte, so
wusste ich doch nicht genau, was mich anzog. Nun weiss ich es. Seine Suche nach
der Liebe, nach der bedingungslosen Liebe, ist bzw. war auch meine Suche. Und
dieser leuchtende Diamant, der am Schluss mit seinem Licht einen ganzen Raum
erhellte, war schon immer in ihm... so, wie er wohl in allen von uns vergraben
liegt. Darauf wartend, entdeckt zu werden.
Ich sehe immer klarer, dass die letzten Wochen und Monate mit Dominik geprägt
waren von dieser bedingungslosen Liebe. Der Zeit und dem Raum enthoben ging es
nur um die Liebe. Liebe für alles, was ist und damit auch für sich selbst.
Bedingungslose Liebe: Kein Aufopfern, kein Sich selber verlieren, keine
Kontrolle, kein Wenn und Aber, kein Wollen, keine Absicht, Liebe ohne Bedingung,
Geben und Nehmen, Einverstanden sein, dem Fluss des Lebens vertrauen, Liebe, die
Raum und Freiheit gibt, Liebe, die nicht wertet und urteilt, Liebe, die einfach
da ist, jetzt und hier.
Auch wenn ich zeitweise den Blick für diese Erkenntnis verlor, wird es mir
immer wieder gegenwärtig. Auch wenn ich manchmal Mühe habe und an meine ganz
persönlichen Grenzen stosse, so hat sich das Gefühl, welches ich schon mein
Leben lang in mir trage, nämlich das Gefühl ein Suchender zu sein, mit dem
Loslassen von Dominik aufgelöst. Ich glaube, ich bin bei mir und der Liebe
angekommen. Auch wenn ich immer wieder wegdrifte oder diesen Diamanten, wie ihn
Dominik so wunderbar emporhob und zum Leuchten brachte, aus den Augen verliere.
Ich besinne mich wieder darauf und weiss, dass darin meine ganze Kraft, mein
ganzes Leben liegt und wer weiss, sich vielleicht auch alle meine Leben um
diesen Stern drehen.
In Dänemark erkannte ich ebenfalls, dass ich keine Angst zu haben brauche.
Dass ich durchaus meinem Gefühl nachgeben kann und allenfalls auch alleine auf
Reisen gehen kann. Ich erkannte, dass ein Leben wie ich es führte, bevor ich auf
Reisen ging, nicht mehr möglich ist. Zu sehr habe ich die Freiheit gekostet und
den eigenen Rhythmus gespürt. Zu sehr liebe ich es, Raum zu haben, der weder von
viereckigen Wänden noch von Zäunen eingeengt wird. Kann durchaus sein, dass sich
dies auch wieder einmal ändert. Aber im Moment würde es für mich nicht stimmen.
Ich wähle lieber das Ungewisse und Unbeständige und bekomme dafür meine Freiheit
und meinen Raum. Dominik hat mir diese Möglichkeit geschenkt und ich werde
dieses Geschenk nach meinem besten Wissen und Gewissen einsetzen.
Seit ich von Dänemark, Mitte August, zurück bin, wohne ich bei Ruth. Eben
jener Freundin, die (nicht nur) als Onkologie-Schwester Dominik während seiner
Krankheit betreut hatte. Ihr Angebot, bei ihr zu wohnen, bis Zorro die
Operationen überstanden hat und wir wieder reisetüchtig sind, nahm ich dankbar
an. Unsere WG ist für beide eine neue Erfahrung. Mittlerweile würde ich sagen,
eine der besonders wertvollen! Die Reflektionen, die durch die Gespräche mit ihr
möglich sind, haben mir schon vieles bewusst gemacht. Ich habe mit ihr eine
weitere liebe Freundin gewonnen. Einen Menschen, von dem ich glaube, dass er mit
seinem Wesen nicht nur ein Geschenk für mich ist!
Mein geliebter Zorro hat in der Zwischenzeit die erste Operation mega gut
überstanden. Die zweite Hüfte wird Ende September folgen und so das Leben will,
werden wir schon bald wieder unterweX sein. |