Ich befinde mich seit gut einem Monat in Tunesien. Das Wetter ist, wie in ganz
Mittel- und Südeuropa in diesem Winter ausserordentlich mild. Wir haben hier
jeden Tag Sonnenschein, laufen barfuss herum, lassen uns sogar hin und wieder
zu einem Bad im eiskalten Meer hinreissen, verbringen viel Zeit draussen und
geniessen es sehr, hier in diesem "womofreundlichen" Land zu sein.
Wir, das sind nebst meiner Wenigkeit Zorro, Rainer und Henny. Zorro hat sich
sehr gut von seinen Operationen an der Hüfte erholt und ist fast wieder der
Alte. Das zweitoperierte Bein zittert manchmal, wenn er zuviel herum gerannt
ist. Aber ich hoffe und denke, das wird sich auch nach ganz geben.
Rainer und Henny sind meine Reisegefährten für diese Winterreise. Sie haben ihre
Yacht in Frankreich auf dem Canal du Midi eingewintert und wir haben uns dort
getroffen, um gemeinsam in den Süden zu ziehen. Ich kenne die Beiden schon seit
Marokko. Immer wieder haben wir uns unterwex getroffen, und Henny kam mich und
Dominik sogar in der Schweiz besuchen, als wir mit "gestutzten Flügeln" daheim
bleiben mussten. Sie sind reiseerfahrene "Campers", haben
ihr Domizil in Deutschland ebenfalls aufgegeben und sich entschlossen, wie
damals Dominik, dem üblichen Wohlstand zu entsagen und nicht noch mehr "auf die hohe Seite"
zu legen, sondern
früh genug das Leben und seine Freiheiten mit bescheideneren Mitteln zu geniessen.
Ihr Angebot, im Herbst zusammen loszuziehen, kam mir nach all der Zeit in der Schweiz sehr
gelegen. Ich wollte im Womo leben, wollte wieder unterwex sein, nur eben nicht
alleine. Der Abstand zur Schweiz und den Geschehnissen im letzen Jahr war für
mich wichtig. Ich brauchte dringend Distanz zu allem. Es standen Entscheidungen
an, denen ich mich noch nicht stellen wollte. Zudem war es mir ein grosses
Bedürfnis, Dominiks Tod richtig zu verarbeiten. Das Wichtigste war, so glaube
ich, herauszufinden, ob das Reisen für mich noch stimmt.
Damals auf unserer letzten Reise, Im Herbst 2005, waren Dominik und ich ein
wenig reisemüde. Wir redeten viel von einem kleinen Haus
im Süden, ein kleines Business, irgendwas im Zusammenhang mit der Fliegerei.
Vielleicht eine Herberge, ein Backpacker. Wenn ich es mir recht überlege, war
dies ja überhaupt die ursprüngliche Idee unserer Europatour! Wir planten,
möglichst viel vom
Süden Europas zu sehen, um uns irgendwann einmal, an dem Ort, der uns am besten
gefiel, niederzulassen. Natürlich lieber später als früher. Jedes Land, jede
Ecke wurde auf diese Variante hin kritisch angeschaut. Einmal, in Sizilien, war
Dominik nahe daran, ein Stück Land zu kaufen. Wenn die Verkaufsverhandlungen
nicht so harzig verlaufen wären, so hätte Dominik damals bei Caltagirone einen
Flugberg erstanden! Ob ich darüber glücklich wäre? Ich weiss es nicht so genau. Damals
waren wir unter dem Strich froh, ohne Ballast wieder weiterreisen zu können.
Besitz bedeutet Verantwortung. Viel Besitz viel Verantwortung. Wenn einem nur
das mobile Heim gehört, mit dem man auf Reisen ist, so ist man eben recht
leichtgewichtig und somit sorgenfreier unterwex. Auch wenn es an die 3 Tonnen wiegt! Diese 3 Tonnen
aber ermöglichen immerhin den gewünschten Standard an Lebensqualität. Was in
meinem Fall bedeutet, ein windgeschütztes und beheizbares Daheim mit richtigem Bett,
die Möglichkeit, warm zu duschen, eine Toilette, ein Kühlschrank und Tisch und Bank zum
Schreiben, Essen und Sein. Das ganze so handlich und klein, dass ich es
eigenständig und mit möglichst viel Flexibilität manövrieren kann.
Mein Unterwex-Sein ist nun ein anderes als vorher. Erstens bin ich nicht mehr
mit Dominik zusammen unterwex; mit dem Menschen, mit dem dies Leben für mich
überhaupt erst begann, sondern alleine. Wenn auch in der Truppe! Zweitens wird das
Reisen nicht mehr wie früher, durch die Aktivitäten der Fliegerei bestimmt. Es ist ruhiger geworden in
meinem Reiseleben. Was ich früher manchmal zum Teufel wünschte, weil es mir
zuviel wurde, fehlt mir heute ein wenig. Die herrlichen Orte der Fliegerei, die Kumpanei
unter den Fliegern, das Aufspüren von Start- und Landeplätzen, das Beobachten von
Wind- und geografischen Verhältnissen! Die Reiserei heute wird vor allem bestimmt von den
Entdeckungen im neuen Land. Darum war es wohl gut nach Tunesien überzusetzen.
Ein neues Land mit neuen Herausforderungen, neuartigen Klängen, und noch
unbekannten Mentalitäten und Landschaften.
Nebst diesen Entdeckungen im Aussen, bedeutet es mir aber auch viel, in mich
selbst hinein zu hören, meinem Sein nachzuspüren. Es findet eine Neuorientierung
statt und es verändert sich von Monat zu Monat. Immer mehr werde ich wieder ich
selbst, finde zurück zu meiner Mitte. Die Erlebnisse in der Vergangenheit fangen
an, sich in mir einzurichten. Ich lerne, mit all diesen Bildern und Gefühlen,
mit meiner Geschichte zu leben. Heute kann ich, seit acht Monaten das erste Mal,
die Musik wieder hören, die Dominik und mich so sehr begleitet hat, ohne nur zu
weinen. Ich höre diese Musik, bin ein wenig traurig, aber nicht so, dass es
schmerzt. Sondern eher so, als ob da eine Seite ist, die berührt wird, die lebt
und die ein Teil meines Selbst ist. Schwierig zu erklären. Es hat für alles
Platz. Und das Wundervolle zwischen mir und Dominik bleibt lebendig.
Das Womoleben stimmt für mich noch immer, nach wie vor sehr! Vielleicht würde
ich mein mittlerweile recht betagtes Heim gegen ein neueres mit mehr Offroadmöglichkeit tauschen. Aber das ist Detail. Das Leben an sich im Womo sagt
mir sehr zu. Es gibt zwar diese Momente, wo ich mir ein festes Daheim wünsche, den
Garten dazu.... ...die vermeintliche Sicherheit der Beständigkeit halt! Das sind Momente,
die wieder vorbei gehen. Noch ist der Drang zuwenig gross, als dass ich ihm
nachgeben muss. Irgendwann wird es wohl soweit sein. Aber nicht heute und nicht
morgen.
Das Jetzt geniessen, überhaupt im Jetzt sein, ist für mich immer noch eine der grossen
täglichen Herausforderungen des Lebens. Ich meine sogar, eine Essenz der "Kunst des Reisens"
(bin gerade sehr inspiriert vom gleichnamigen Roman von Alain de Botton!). Gerade auf Reisen, wo ich ja immer unterwex bin nach irgendwohin, bin ich
gefordert, da zu sein, hinzusehen, zu lauschen und offen zu bleiben.
Mit Henny und Rainer geht das sehr gut. Sie sind ebenso bereitwillig spontan wie
ich. Wir entscheiden uns immer kurzfristig, wohin es wann weiter geht. Finden
wir einen Platz, an dem es sich gut sein lässt, bleiben wir. Wenn nicht, geht es
weiter, am anderen Tag, wenn es dann immer noch passt. Es ist schön, dass wir ähnliche Vorstellungen von Stellplätzen haben. Zurück zum
Jetzt. Das Vergegenwärtigen des Jetzt bedeutet für mich, das Wahrnehmen eines
Momentes mit allen Sinnen. Möglichst nicht in der Vergangenheit zu hängen oder
sich schon eine, wenn auch nahe Zukunft auszumalen. Das Wahrnehmen der
Äusserlichkeiten mit gleichzeitiger Verbindung des Innern. Wie fühlt sich was
an. Was klingt an beim Anblick von Wüste, bei Begegnungen mit Menschen, beim
Hören des Meeresrauschen oder beim Anblick der Abermillionen von Sternen am
Nachthimmel.
Offenheit ist ein weiterer wichtiger Teil. Das hört sich leichter an, als es
ist. Tunesien ist ein gutes Beispiel. Meine Erfahrungen aus Marokko und erste
Begegnungen in Tunesien liessen schnell ein ähnliches Schema im Umgang mit den
Menschen aufkommen. In Marokko lernte ich, der Freundlichkeit zu misstrauen. Ein
jedes Ansprechen seitens der Einheimischen war geprägt von der Absicht, einen
Deal herauszuholen. Damals war diese Erfahrung auch neu und mittlerweile ist
mein Horizont wohl etwas weiter geworden. Hier lerne ich, dass dem nicht nur so ist. Hier lerne ich,
dass die Menschen auch einfach neugierig sind, es ihnen wichtig ist, einfach
Small-Talk zu machen und vielleicht Kontakte zu knüpfen. Ich war über mich
selber erstaunt, als ich feststellte, wie viele Vorurteile ich diesem Land mit
seinen Menschen gegenüber mitbrachte, einfach aus den Erfahrungen aus einem
anderen islamischen Land. Es ist auch neu für mich, dass ich eigenständig meine
Erfahrungen mache. Da ist kein Partner, für den es ebenfalls stimmen muss, wenn
ich mit einem Schäfer anfange zu parlieren, wenn ich ihm etwas zu essen gebe
oder Zigaretten. Kein Partner ist da, der sagt, pass auf, den wirst du nicht
mehr los, oder so. Und beim nächsten Mal vermeidest du prompt so eine Begegnung, aus
Angst, er könnte Recht behalten! Aber ob es nun die eigenen Bilder sind oder
jene eines Partners. Es sind Bilder, die einem im Weg stehen - Bilder aus der
Vergangenheit - Bilder aus Gelesenem, Bilder aus Vorurteilen - Bilder aus
Ängsten und vorgefassten Meinungen. All diese Bilder hindern einen, richtig zu
sehen. Zu sehen mit offenen Augen und freien Sinnen und unvoreingenommenem
Verstand. Sonst entgehen einem allerhand gute und vielleicht manchmal auch
weniger gute Erfahrungen!
Dabei! Gibt es etwas schöneres als hier im Jetzt zu sein mit dem Horizont für alles!?
Seit Anfang dieses Jahres denke ich nicht mehr dauernd an Dominik. Es gab vorher
Tage, da war er oft gegenwärtig und gleichzeitig vermisste ich ihn so sehr.
Jetzt vermisse ich seine Anwesenheit noch immer, aber es schmerzt nicht mehr so
sehr. Es vergehen Tage, da denke ich tagsüber nicht allzu sehr an ihn, doch wenn ich dann
abends im Bett liege, da kommen Erinnerungen hoch. Diese machen wehmütig. Das
ist nicht schlimm. Schlimmer sind die Bilder, die seinen Tod begleiten, und die
manchmal kommen und dann kaum wieder weggehen wollen. Es bleibt dann
jeweils ein Gefühl von Unfassbarkeit. Dass ich damals nicht einfach davon gerannt bin! Oder
überhaupt die Akzeptanz, dass diese Ereignisse ebenso real sind wie jene
heute! Ich weiss, dass diese Geschehnisse nun zu meinem Leben, zu mir, gehören.
Sie sind ein Teil von mir. Ich werde damit leben, wie andere Menschen mit ihren
Geschichten leben müssen. Ich merke, dass sich die erschreckenden Bilder mit
jenen voller Liebe immer mehr die Waagschale halten. Wenn
dem ganz so ist, werde ich zufrieden sein.
Heute denke ich, es war eine gute Entscheidung loszuziehen. Auch wenn die
Konfrontation mit der Reiserei, dem Draussen-Sein, dem Unterwex-Sein ohne
Dominik hart war und manchmal noch immer ist. Es sind im Endeffekt immer
heilsame Schritte. Ich bewältige diese Aufgabe (fast) alleine. Und vielleicht ist auch
dies mit ein Grund, dass ich denke, es sind wertvolle Schritte. Hier muss ich
H&R, vor allem Henny, ein dickes DANKE sagen! Ohne sie hätte ich diese
Möglichkeit nicht!!
Ich schätze die Anwesenheit von Henny und Rainer sehr. Der Austausch der
erlebten Ereignisse, das Nicht-Allein-Sein im fremden Land, die gegenseitige
Hilfe und Unterstützung, die gemeinsamen Unternehmungen und noch vieles mehr.
Vor allem wohl das Gefühl von Nicht-Allein-Sein. Denn einsam fühle ich mich
nicht. Das ist wohl der grosse Unterschied. Wenn man mutterseelenallein ist, so
wie ich es damals auf Sardinien war, dann fühlt man sich wohl auch sehr schnell
einsam. Ist man hingegen mit Freunden zusammen, auch wenn man Alleine wohnt, dann
ist das an sich eine gute Sache! Wenn auch nicht so gut wie mit einem geliebten
Menschen! Immerhin kriegt im Moment vor allem der Zorro fast meine ganze Liebe.
Und dann halt auch die Menschen, denen ich begegne. Ich meine, meine Offenheit,
meine Bereitschaft, die Menschen zu mögen, ist gestiegen mit den Erfahrungen
durch Dominik. Ich versuche, diese bedingungslose Liebe, die mir im Zusammensein
mit Dominik begegnet ist, wach zu halten. Das ist nicht immer gleichermassen
einfach. Ich bin ein sehr impulsiver Mensch. Da gibt es schon immer wieder
Situationen, in denen ich wütend werde. Der Ärger verraucht aber jeweils wieder schnell.
Ich versuche mich stets an die tieferen Wahrheiten zu erinnern. Es gibt ja noch so viel
zu lernen!
Ein ganz grosser Unterschied hat sich ergeben seit Dominiks Tod. Das Gefühl
angekommen zu sein! Menschen, die mich gut kennen, wissen, dass ich ein ewig
Suchender bin oder war. Ich bin mir nicht sicher, ob sich dies auf Dauer
verändert hat. Auf alle Fälle ist es neu und noch immer da. Das Gefühl, bei mir
selbst angekommen zu sein, die innere Überzeugtheit, dass alles Wichtige in mir
drin ist. Alles. Vor allem die Liebe.
Ich stelle mir eigentlich auch kaum die Frage, warum ich ein solches Schicksal
habe und nicht ein anderes. Es ist so wie es ist. Der Verlust eines geliebten
Menschen hinterlässt "nur" ein Loch im Aussen. Im Innern bleibt er bestehen. Und
sind die wehmütigen Gefühle nicht sehr egoistisch? Mein heutiges Sein ist der
Beweis, dass ich auch ohne Dominik leben kann. Es geht. Es geht immer weiter.
Wenn ich solche Überlegungen anstelle, dann komme ich auch nicht umhin,
festzustellen, dass ich heute eine materielle Unabhängigkeit habe, die ich
vorher nicht hatte. Also hat mir Dominik nebst unendlich vielen schönen
Erlebnissen nicht nur die Liebe geschenkt, sondern auch eine grosse Freiheit.
Bei diesem Gedanken werde ich gleich wieder traurig. Sein Leben für meine Freiheit?
Dieser Gedanke erschütterte mich schon damals als er mit mir über sein Testament
redete. Es kommt mir immer noch wie ein schlechter Deal vor. Ob sich dies jemals
ändern wird? Ich hab hier (noch) keine Antworten, leider.
Alles in allem bin ich zufrieden mit mir und meinem Leben. Ich schätze mich
glücklich, ein Leben führen zu dürfen, welches mir so sehr entspricht. Ich liebe
dieses Leben, diese Welt und die Menschen. Und ich bin froh und dankbar für
alles, was ist. - Wenn sich die Tunesier bedanken sagen sie "Shoukram" und legen
dabei die Hand auf’s Herz.
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